Von Henning Rischbieter

Warum haben die das Stück nicht hierher, ins Ruhrgebiet, verlegt. Das hat’s doch hier genauso gegeben“, meinte ein jüngerer Besucher an der Pausen-Theke. Die putzigen oberbayerischen Vorgärten, Amtsstuben und Scheunenwinkel, die Hanna Jordan auf die Drehbühne der Ruhrfestspiel-Aufführung von Martin Sperrs „Koralle Meier“ gebaut hatte, der postkartenbunte Landschafts-Horizont dahinter, das holzgeschnitzte Volksmusik-Quartett darüber, der Dialekt – entrückte das alles die komische und böse Geschichte vom Untergang der Dorfhure Koralle Meier anno 1940 ins unverbindliche Allzu-Bajuwarische?

Jedenfalls war’s ein Erfolg: Gelegentlich geniertes Gelächter in dem von Gewerkschafts- und Kommunal-Honoratioren dominierten Premieren-Parkett, zunehmend bedrückte Betroffenheit, die sich in Zwischenakts-Applaus und kräftigen Schlußbeifall löste, Bravorufe für Christa Berndl, die ländlich aufgedonnerte Hure.

Sie will, Fabel des Stückes, ins Gemüsegeschäft mit Stehimbiß umsteigen, weiß nicht, daß sie dadurch zur befeindeten Konkurrentin von Bäcker und Bürgermeister-Metzger wird. Die schwärzen sie bei der SS wegen des Geldes an, das sie dem Ortsjuden lieh für die rettende Fahrt nach Amerika. Sie wird ins provisorische KZ geschmissen, kommt noch mal raus wegen ihres tief wurzelnden arischen Stammbaums und der Fürsprache ihres besten Kunden, des Ortsgruppenleiters, aber wieder rein, weil die Denunziation des Bürgermeisters ihr mißglückt und sie deshalb unflätig über die Nazis schimpft. Das entschwindende Gemüsegeschäft, die neuerliche Haft treiben sie in einen zweiten Ausbruch unflätiger Wahrheit über ihre Peiniger: sie wird liquidiert.

In Recklinghausen gibt es nur fünf Aufführungen des Stückes, im Spätherbst wird dann das ZDF-Millionen-Publikum die Fernseh-Aufzeichnung sehen können, die an den Vormittagen der Recklinghäuser Spieltage hergestellt wird. Auf diese Weise kaschieren die Ruhrfestspiele, daß es ihnen an Geld (und an Zuschauern?) für zwei große eigene Theater-Inszenierungen fehlt.

Dafür ist das Gastspielprogramm umfangreich. Zwei Aufführungen der Hamburgischen Staatsoper („Zauberflöte“ und Janáčeks „Jenufa“) sollen im 25., im Jubeljahr des Festivals an das Gründungsgastspiel der gleichen Staatsoper 1947 erinnern. Mit den lange vor den Premieren blind gebuchten Schauspiel-Gastspielen hat man zwei zwar halbwegs interessante Stücke, aber mißlungene Aufführungen eingehandelt: Fortes „Luther“-Pamphlet vom Hamburger Thalia-, Mercers „Flint“ vom Berliner Schiller-Theater.

Die Ruhrfestspiele begannen in diesem Jahr mit der (insgesamt neunzehnmal gezeigten) Inszenierung der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“. Spät kam Brechts bedeutendes Stück, die Historie über den noch rohen, uniformierten Kapitalismus nach Recklinghausen. Und der Regisseur Heinrich Koch, ein Stiltüftler und kein Kenner von außertheatralischen Realitäten, verfehlte die mögliche Aktualität, die der ökonomischen Systemanalyse; er ließ, so vermerkte beifällig der Rezensent der Welt, eine „große Oper singen und sprechen“, zeigte die „Tragödie fehlgeleiteter Menschlichkeit“.