Von Helmut Schneider

Ankleben und Abreißen, zwei im Alltag geläufige manuelle Handlungen, werden durch französische Bezeichnungen geadelt, sobald es sich dabei um künstlerische Gesten handelt: Man spricht dann von collagieren und decollagieren. Beides sind Verfahren zur Herstellung ästhetischer Objekte, die mit dem Zufallsfaktor kalkulieren, beide sind an eine bestimmte Kunstsituation fixiert: Dada war Geburtshelfer bei der Collage, der neodadaistische Nouveau Realisme bei der Décollage. Und beide sind historisch geworden, reif für einen Platz im Museum.

Da sie gewissermaßen als Positiv-Negativ-Entsprechung zusammengehören, war es sinnvoll (und an der Zeit), Collage und Décollage einmal miteinander zu konfrontieren. Natürlich im Museum, in diesem Fall: in der Stuttgarter Staatsgalerie. Hier ist momentan, an Stelle der Altdeutschen, die große Retrospektive des Collagisten Schwitters zu sehen und, quer über den Gang, die erste bundesrepublikanische Übersicht über die Kunst des Plakatabrisses. Die Werke von Dufrêne, Hains, Rotella, Villeglé und Vostell bilden einen Teil der Sammlung von Siegfried Cremer, der in diesem Haus Chefrestaurator ist.

Jeder der fünf vertritt eine spezielle Variante der Umfunktionierung von Litfaßsäulenschmuck: Gelegenheit, die verschiedenen Möglichkeiten des Plakatabrisses einzeln vorzustellen und an Hand der Äußerungen, die die Künstler für den Katalog beigesteuert haben, Absichten und Ziele der Werbungszerstörung zu erläutern.

François Dufrêne (geboren, 1930 in Paris): "Dessous d’Affiches." Von hinten die Schichten ablösend, legt er die Rückseiten frei. Dabei wird der ursprüngliche, dem Wachstum in Jahresringen vergleichbare Entstehungsprozeß von Plakatwänden umgekehrt; der Anfang wird zum Ende, der Untergrund Vordergrund. Zum Vorschein kommt die spiegelbildliche Kehrseite von Werbetexten – Konsum-Manipulation verwandelt sich in ästhetische Information.

"Die Lettern sind nun nicht mehr als bedeutungslose Zeichen, entleert von intellektuellem Blut, reine Flecken der Nichtreklame, Einziehung‘ des minderen politischen Bleis und seine Umwandlung in poetisches Gold" (Dufrêne). Die Patina des künstlichen Zerfalls und die Transparenz der überlagerten Negativbilder erzeugen die für Dufrêne bezeichnenden Stimmungswerte: Seine homogen abgekratzten Unterseiten sind melancholische Reminiszenzen an den milden Herbst einer kraftlos in Pigmentpartikelchen sich auflösenden Malerei.

Raymond Hains (geboren 1926 in Saint-Brieuc): "Affiches lacérées." Der Akt des Zerreißens wird konstitutiv, die stehengebliebenen Teile zeigen kantige Konturen, das Abschälen in kleinen Stücke ergibt ein körnig aufgerauhtes Relief. Der Flächenzusammenhang wird teils durchlöchert, teils durch das Nebeneinander farblich kompakter Teile betont. Je weiter das Rohmaterial abgenommen wird, desto kräftiger kommt die Ambivalenz von Muster und Grund ins Spiel. Hains’ Arbeiten, assoziativ auf anderweitig Bekanntes verweisend, sind Malerei mit anderen Mitteln, gerissener Tachismus.