Mimmo Rotella (geboren 1918 in Catanzaro): "Décollages." "Ich klebe Plakate, dann reiße ich sie ab: so entstehen neue, unvorhersehbare Formen. Diese Protesthaltung hat mich zum Verzicht auf die Staffeleimalerei veranlaßt ... Es handelt sich hier um Forschung, Forschung, die nicht der Ästhetik verpflichtet ist, sondern dem Unvorhergesehenen, den Stimmungswechseln der Materie." Rotella, der seinen Arbeiten die Bedeutung "soziologischer Dokumente" beimißt, versteht die Décollage als Ausdruck eines antibürgerlichen Kunstbegriffs, bei dem der Produzent seinen gestalterischen Totalitätsanspruch zugunsten von "aleatorisch" zustande gekommenen ästhetischen Strukturen aufgibt.

Jacques de la Villeglé (geboren 1926 in Quimper): "Affiches déchirées." Hierbei dreht es sich um objets trouvés. Plakatabrisse, "geschaffen" von irgendeinem Passanten, werden von der Wand abgelöst und zu autonomen Kunstwerken erklärt. Der Beitrag Villeglés, der einen Wertunterschied zwischen geschaffenen und gefundenen Objekten leugnet, beschränkt sich auf die Auswahl der für erhaltenswürdig erachteten Zerreißproben.

Wolf Vostell (geboren 1932 in Leverkusen): "Dé-coll/agen". "(Von)-(Leim)/(Zeitalter)", übersetzt Vostell. Darin ist der Hinweis auf gesellschaftliche Prozesse enthalten, die in der destruktiven Veränderung der (Plakat-)Umwelt sich äußern. Die Stücke sind fixierte Endresultate von Abreißaktionen. Das transitorische Moment der Herstellung ist eigentlich wichtiger – "so wurden aus dem Demonstrieren des Zerreißens Ereignisse mit und für Publikum". Diese Zielsetzung mag erklären, warum Vostells Arbeiten die aufdringlichsten, am meisten "plakativen" der Ausstellung sind.

Entstanden Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre, spiegeln die Decollagen die Suche nach Zeichen für eine Welt, in der die machbare Realität der Kunst abhanden gekommen war. Als der Reklameoptimismus der Oberflächen zerfetzt war, fand sich auf dem Grund nicht mehr als der Rest jenes Kleisters, der den schönen Schein zusammengehalten hatte. So blieb nur noch die Tautologie: Zerreißen als Ausdruck des Zerrissenseins.