Erst waren es Gerüchte, jetzt besteht Gewißheit: Moskau will wieder mit Jerusalem direkt ins Gespräch kommen. Ob sich aus den ersten, flüchtigen Kontakten bald diplomatische Beziehungen entwickeln werden, ist freilich fraglich. Immerhin dementiert selbst das israelische Außenministerium nicht mehr, daß Sondierungen stattgefunden haben.

Es steht nunmehr fest, daß Mitte Juni der Sowjet-Journalist Victor Louis, den Moskau schon oft als Sonderemissär bemüht hat, in Israel war und mit Beratern Golda Meirs konferierte. An Glaubwürdigkeit gewinnen nun auch jene Meldungen, die vor einem Monat von einem geheimen Treffen der israelischen Ministerpräsidentin mit sowjetischen Abgesandten im Norden Finnlands sprachen.

Was führen die Sowjets im Schilde? Im August ist der Waffenstillstand am Suezkanal ein Jahr alt – will Moskau die Israelis durch seinen diplomatischen Vorstoß davon abhalten, ihn zu brechen? Oder wollen die Sowjets ein weiteres Mal die Ägypter unter Druck setzen, die Bedingungen des Freundschaftsvertrages konsequent einzuhalten? Oder ist im Kreml ganz einfach die Einsicht gewachsen, daß es auf die Dauer sinnvoll ist, in Israel einen Vertreter zu haben, der – ähnlich dem amerikanischen Geschäftsträger in Kairo – direkt den politischdiplomatischen Verkehr pflegen kann?

Auf jeden Fall zeigt die jüngste Initiative, daß die Sowjets nichts unversucht lassen, ihre Position im Nahen Osten zu stabilisieren.

D. St.