In den Krisenherden sind die Fronten in Bewegung geraten.

  • Am Suezkanal haben zwar beide Seiten auch in der vergangenen Woche starke Worte gebraucht. Chefredakteur Heikal erklärte 1971 zum „gefährlichsten Jahr seit 1967“. König Feisal von Saudi-Arabien versprach in Kairo Unterstützung bis zur Befreiung aller besetzten Gebiete. Israel verkündet, es sehe nur geringe Hoffnung für einen Frieden. Aber Außenminister Eban korrigierte seinen Kollegen, Verteidigungsminister Dayan: Ein neuer Krieg sei nicht unvermeidlich. Zu Wochenbeginn wurde dann bekannt, daß zwischen Moskau und Jerusalem Fäden über eine Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen gesponnen werden. Victor Louis, umstrittener sowjetischer Journalist, traf in Israel mit einem Berater der Ministerpräsidentin Meir zusammen. Angeblich war Louis gekommen, um ein Rückenleiden kurieren zu lassen. Der Arzt, den er konsultierte, ist der ehemalige Botschafter Israels in Moskau.
  • In Pakistan hat General Yahya Khan angekündigt, daß er „in etwa vier Monaten“ die Macht an die Nationalversammlung abtreten wolle, in der bestimmte Politiker der – auch weiterhin verbotenen – Awami-Liga durch Neuwahlen ersetzt werden sollen. Die Ausarbeitung der neuen Verfassung will er freilich selber übernehmen. „Gut gemeint, aber schlecht ausgedacht“ kritisierte die Times diesen Plan, der keine Rücksicht auf die emotionalen Bedürfnisse Ostpakistans nehme. Ein Grund für Yahyas halbes Einlenken: Die Weltbank beschloß, alle Zahlungen an Pakistan einzustellen. Sie reagierte damit auch auf den pakistanischen Etat für 1971/72, in dem über 50 Prozent der Mittel für die „Landesverteidigung“ angesetzt sind. Indien empört sich über Washington: In der vorigen Woche verließ ein dritter pakistanischer Frachter mit Waffen an Bord die USA. Die Regierung von Westbengalen hat vor dem Flüchtlingsproblem kapituliert und ist zurückgetreten. Für die sechs Millionen Flüchtlinge werden Geldspenden dringend erbeten (Konto Nr. 414141 bei allen Sparkassen, Banken und dem Postscheckamt Köln).
  • In Vietnam konzentrieren sich die Kämpfe auf das Gebiet südlich der entmilitarisierten Zone, die in der vergangenen Woche zum erstenmal seit drei Jahren von regulären Truppen Hanois durchquert wurde. Sie verwickelten die Südvietnamesen in verlustreiche Kämpfe. Bis Mitte voriger Woche zählte das US-Oberkommando 45 300 Gefallene seit dem 1. Januar 1961. Die Zahl der Truppen verminderte sich auf 241 700 Mann. Der amerikanische Senat stimmte mit 57 gegen 42 Stimmen für einen Rückzug innerhalb neun Monaten unter der Voraussetzung, daß Hanoi die Kriegsgefangenen freilasse. Einen weiteren wichtigen Schritt zur Vietnamisierung bedeutet die Anordnung des US-Oberbefehlshabers: Amerikanische Truppen dürfen nur noch zur Verteidigung das Feuer eröffnen.