Die Podiumsdiskussion sah aus wie andere auch: fünf Kugellampen, fünf Wassergläser, soignierte Herren und zwei sich verrenkende Kameramänner. Ungewohnt war, daß der Herr in der Mitte einen grauen Turban zu einem schwarz-weiß-melierten Vollbart trug: für Indienkenner als Sikh auszumachen, der Herausgeber der in Neu-Delhi erscheinenden Zeitschrift „Illustrated Weekly“.

Ungewohnt war auch, was dieser Herr Kushwant Singh vortrug: Unter dem harmlosen Titel „Aspekte der modernen indischen Literatur“ gab er eine scharfe Analyse der Schriftstellersituation, und zwar vor allem derjenigen Autoren, die nicht Englisch, sondern eine der vierzehn offiziellen Nationalsprachen Indiens schreiben. Diese Dichter haben es gut, denn jede der Nationalsprachen, deren Ausdehnung weitgehend mit den Grenzen der Bundesländer zusammenfällt, braucht kulturelle Repräsentanz, hat eine eigene Akademie, muß „Selbstdarstellung“ leisten. Literarisch beweist sie ihr Lebensrecht, und zum Prestige gehört es auch, daß die geförderten Dichterwerke in die anderen Nationalsprachen übersetzt werden, jedesmal mit Tantiemen für die glücklichen National-Autoren.

Anlaß für dieses Exposé von Kushwant Singh waren die Tübinger Südasientage, von dem rührigen Verleger Horst Erdmann mit verschämter Hilfe des Auswärtigen Amtes vortrefflich organisiert. Es trafen sich indische und indonesische Diplomaten, deutsche Experten, Leiter von Goethe-Instituten aus beiden Ländern und – wenn auch eher spärlich – indische und indonesische Künstler.

Bei Reistafel und Sitarmusik sprach jedermann mit jedermann. Die Reden der asiatischen Botschafter waren sympathische Goodwill-Angebote, mit Komplimenten für Siemens und Goethe angereichert. „Mutual understanding wiederholte sich als rasche Formel, unser Kulturattache in Neu-Delhi zog als treffende Marginalie dazu ein Zitat aus Ingeborg Bachmanns „Malina“ aus der Tasche: „Von weitem grüßt mich François, der an der Botschaft arbeitet und irgendwie unsere Kulturen austauscht, versöhnt oder gegenseitig befruchtet, er weiß es selbst nicht so genau.“

Wichtig war, daß nicht nur in Kushwant Singhs oxford-englischem, englisch unbewegt vorgetragenem Referat, sondern auch in den Bemerkungen von Professor Irene Hilgers-Hesse über die neue Nationalsprache Bahasa Indonesia die Tiefe und Tragweite der sprachlichen Probleme deutlich wurde. Wird Englisch die indische Verkehrssprache bleiben? Werden die Bundesstaaten sich durch die Ausprägung von Nationalkulturen stärker differenzieren? Hat Hindi Chancen? Wird die indonesische Gemeinsprache sich gegen die großen Regionalsprachen endgültig durchsetzen?

Und wie werden Nationalsprachen eigentlich gemacht? Kushwant Singh unterstrich die unzählbaren Schwierigkeiten für die gutbezahlten Autoren: Manche dieser Sprachen haben zwar zum Beispiel unglaublich viele Variationsmöglichkeiten für Verwandtschaftsbeziehungen, aber ganz wenige Vokabeln für die Nuancen menschlicher Gefühlsbeziehurigen. Hindi wiederum, als gesamtindische Sprache geplant, ist von den Sprachreformern so gereinigt und mit alten Sanskritwörtern versetzt worden, daß es selbst von den Hindustani sprechenden Ungebildeten nur halb verstanden wird.

Dr. Lothar Lutze vom Südasien-Institut Heidelberg versuchte den Gegenbeweis anzutreten: Er las im Urtext, in englischer und in deutscher Übersetzung ein hinreißend schönes Hindi-Gedicht. Aber Kushwant Singh hatte den neuen Literaturen, die da unter dem warmen Rupien-Regen der bundesstaatlichen Förderung aufkeimen, poetische Werte keineswegs abgesprochen. Poetisch sind auch die indonesischen Erzählungen, die Verleger Erdmann in seiner verdienstlichen Reihe „Geistige Begegnung“ als Neuerscheinung vorstellte: „Traum im Dämmer“, „Als das Tongtong schlug“, „Eine Glocke ertönt“, „Unter der Bambusstaude“. Der junge Autor mit Kaiser-Friedrich-Bart, der die obligate Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz stellte, blieb enttäuscht.