Herberts Quandts gesammelte Werke

Von Hermann Bößenecker

Seit jeher scheut Dr. phil. h. c. Herbert Quandt das grelle Licht der Öffentlichkeit. Der Chef der nach dem Flick-Konzern zweitgrößten "privaten", nicht in einer Aktiengesellschaft zusammengefaßten deutschen Unternehmensgruppe ist einer der reichsten Männer der Bundesrepublik. Doch nicht nur die Verschwiegenheit des Milliardärs, sondern auch ein schweres Augenleiden sind die Gründe für sein seltenes öffentliches Auftreten. So war es eine Ausnahme, als Quandt kürzlich bei der Eröffnung der neuen Hamburger Niederlassung der Bayerischen Motoren Werke AG (BMW) selbst in Aktion trat.

BMW gilt als das "Lieblingskind" Quandts. Zu einer Zeit, als alle Experten abrieten, setzte er bei BMW Millionen aufs Spiel – Quandt vertraute schon vor elf Jahren auf das unverwüstliche Image des Unternehmens. Heute gebietet Quandt praktisch über die Majorität des BMW-Kapitals von 250 Millionen Mark.

Bisher ist Quandts mitunter auch im eigenen Haus recht skeptisch beurteilte BMW-Rechnung aufgegangen. Die "Sanierung aus eigener Kraft", die viele Beobachter als ein Vabanquespiel ansahen, ist geglückt. Doch in den kommenden Jahren ist bei dem bayerischen Renommierunternehmen erhöhte Aufmerksamkeit notwendig – die Zukunft von BMW ist noch nicht gesichert.

Herbert Quandt, einer der besten Kenner der Autobranche, weiß um die wachsenden Risiken des Marktes. Wenn BMW vorerst ohne Anlehnung an einen Größeren selbständig bleiben soll, wie Quandt in Hamburg nachdrücklich betonte, dann müssen innerhalb des Familienkonzerns Vorkehrungen getroffen werden, die gegebenenfalls schnelle Hilfe für BMW garantieren.

Doch nicht nur die Rücksichten auf BMW liegen eine Neuorganisation der Quandt-Gruppe nahe. Der erste Schritt war die Straffung der-, Produktion in einigen Sparten des weitverzweigten Konzerns. Verluste bringende oder nicht mehr in das Programm passende Firmen und Produkt tionszweige wurden abgestoßen, andere neu organisiert. Jetzt ist die zweite, noch wichtigere Aufgabe zu lösen: Die bisher relativ lose, personenbezogene Verknüpfung der einzelnen Firmen der Gruppe gilt als nicht optimal

Eine starke, kapitalkräftige Holding wäre konsequent. Sie soll als Finanz- und Verwaltungsspitze die Gruppe straff führen. Diese neue "Quandt AG" – der Name liegt auf der Hand – müßte im Gegensatz zu den bisher nur als Vermögens Verwaltungsgesellschaften fungierenden beiden Familienholdings die Aufgabe der Konzernsteuerung übernehmen.

Herberts Quandts gesammelte Werke

Im Vorstand der AG würde sich das künftige Spitzenmanagement der Gruppe sammeln. Denn parallel mit der Konzernumstrukturierung wird sich ein neues Management im Günther-Quandt-Haus in Homburg vor der Höhe herauskristallisieren. Diese Manager werden in den nächsten Jahren an die Stelle des Triumvirats aus Herbert Quandt (demnächst 61) und den beiden verdienten "Hausmeiern" Dr. jur. Horst Pavel (62) und Gerhard Vieweg (65) treten: Die "Senioren" werden in den Aufsichtsrat der neuen Holding aufrücken. Einen aktiven Vorstandschef mit dem Namen Quandt wird es dann nicht mehr geben. Nach dem Flugzeugabsturz seines Bruders Harald 1967 ist Herbert Quandt der einzige Namensträger in der Führungsgruppe. Da seine Söhne erst sechzehn und fünf Jahre alt sind, werden die nächsten Jahrzehnte durch ein "Fremdmanagement" geprägt sein.

Als Harald Quandt noch lebte, hatten die beiden Brüder – aus verschiedenen Ehen ihres Vaters Günther Quandt – ihre Interessen weitgehend aufgeteilt. Herbert betreute hauptsächlich den Automobilbereich: die etwa 14prozentige Beteiligung bei der Daimler-Benz AG, BMW und der Varta AG (Schwergewicht Autobatterien) mit ihren zahlreichen Beteiligungen. Harald, der Techniker, widmete sich dem Maschinenbau und den verwandten Gebieten. In diesem ehemals von Harald dirigierten Bereich haben sich in letzter Zeit die stärksten Veränderungen ergeben.

Die Industriewerke Karlsruhe AG, bei der Verluste hingenommen werden mußten, fusionierte 1970 mit der Quandtschen Schwesterfirma Keller & Knappich GmbH in Augsburg (Kommunalfahrzeuge und Schweißmaschinen) zur Industrie-Werke Karlsruhe Augsburg AG (IWKA). Sie kommt bereits in diesem Jahr mit Tochtergesellschaften – darunter die für die Wehrtechnik zuständige Mauser-Werke AG, Oberdorf – auf einen Umsatz von gut 500 Millionen Mark.

Die bisher ohne Fortüne gebliebenen "dürren" Produktionszweige wie der IWK-Apparatebau und die Mauser-Jagdwaffen sind in der neugegründeten IPG Industrie-Planungsgesellschaft mbH & Co, Karlsruhe, zusammengefaßt worden, die als eine Art Zwischenholding fungiert. Auch die Deutsche Waggon- und Maschinenfabriken GmbH in Berlin, wurde aus der IWKA herausgelöst und inzwischen in die gemeinsam mit Rheinstahl betriebene Waggon-Union GmbH., Berlin, eingebracht.

Die Quandt-Firma Busch-Jaeger Dürener Metallwerke AG, Lüdenscheid, hat ihren Geschäftsbereich Elektro an BBC verkauft. Die Varta-Tochter Hans Still GmbH, in Hamburg, aus der man Generatorenbau sowie Antriebs- und Regelungstechnik herausnahm und verkaufte, hat dafür die Flurfördermittel (Gabelstapler) der früheren Maschinenfabrik Eßlingen übernommen und firmiert nun SE Fahrzeugwerke GmbH. Schließlich trennte sich der Quandt-Konzern von der nicht mehr ins Firmenkonzept passenden Kammgarnspinnerei Stöhr & Co. AG, und damit von seiner ältesten Produktionssparte: Die Quandts waren als Textilindustrielle groß geworden. Im Krieg 1870/71 rüsteten sie die preußische Armee mit Tuchen aus. Im ersten Weltkrieg erwarb sich Günther Quandt Meriten als Reichstreuhänder für die Textilwirtschaft.

Die Flurbereinigung hat also schon begonnen. Auch wenn es intern bei der Abgrenzung der Kompetenzen nach einzelnen Bereichen blieb, so geht der Trend doch zu einer stärkeren Integration an der Spitze. Nach dem Tod des jüngsten Quandt-Bruders wurde Vieweg und Pavel Einzelvollmacht für die laufenden Geschäfte des Vermögens der Erben von Harald Quandt – Frau Inge Quandt, geborene Bandekow, mit fünf Kindern – erteilt. Die enge’ Zusammenarbeit Herbert Quandts mit beiden gewährleistet, so hieß es seinerzeit, die "einheitliche Interessenwahrnehmung der Quandt-Gruppe".

Die beiden Familienholdings haben ihren Sitz in Stuttgart-Feuerbach: Bei der Draeger-Werke GmbH liegen die IWKA-Anteile und die Daimler-Aktien; der Allgemeinen Gesellschaft für Industriebeteiligungen mbH (AFFI) sind die anderen Firmen der Gruppe angeschlossen.

Herberts Quandts gesammelte Werke

Das nunmehr übersichtlicher gegliederte Industrie-Imperium wird auf einen Wert von etwa drei Milliarden Mark veranschlagt. Allein das Daimler-Paket ist rund eine Milliarde und der BMW-Besitz rund 500 Millionen Mark wert, wenn man von der Börsenbewertung ausgeht. Das konsolidierte Eigenkapital beziffern Kenner auf mehr als eine Milliarde Mark. Der Umsatz der Gruppe ist an Herbert Quandts 60. Geburtstag vor einem Jahr erstmals mit 5,85 Milliarden Mark für 1969 angegeben worden.

Die Mehrheitsbeteiligungen werden voll und die übrigen Firmen entsprechend der Beteiligungsquote gerechnet. 1970 stiegen die Erlöse auf knapp 6,5 Milliarden Mark. Dabei kam die Varta AG, zu der auch leistungsfähige pharmazeutische, diätetische und kosmetische Firmen (Schwerpunkt: Byk-Gulden Lomberg Chemische Fabrik GmbH, Konstanz) gehören, einschließlich der Auslandstöchter allein auf rund 1,7 Milliarden Mark.

In den einzelnen Firmen gibt es bereits "Anwärter" auf einen Posten im späteren Topmanagement der Gruppe. Zu nennen wäre hier vor allem Hans Graf von der Goltz, 44, bisher Generalbevollmächtigter bei Klöckner & Co., jetzt Geschäftsführer der zwei Quandt-Familiengesellschaften. Er wird zweifellos in eine so bedeutende Rolle wie Pavel und Vieweg hineinwachsen. Weitere Aufstiegschancen im Konzern gibt man auch dem 40jährigen Joachim Häusler, der seit eineinhalb Jahren bei der Quandt-Gruppe tätig ist und am 1. Juli an Stelle des in den Aufsichtsrat überwechselnden Gerhard Vieweg Vorstandsvorsitzender der IWKA wird; seit November ist er bereits Stellvertreter. Zweiter Mann in Karlsruhe wurde Walter Dohrn, bisher im Vorstand von Busch-Jaeger.

Im Varta-Vorstand behaupten zwar Herbert Quandt und Horst Pavel noch Vorsitz und stellvertretenden Vorsitz; als "Sprecher" des jetzt in Hannover konzentrierten übrigen Vorstandes amtiert jedoch der 48jährige Techniker Fritz Alf, auf den vermutlich noch andere Aufgaben warten. In diese Reihe gehört auch Eberhard von Kuenheim, 42, der 1970 von Karlsruhe, wo er bereits Vizechef im Vorstand war, auf den Sessel des BMW-Generaldirektors überwechselte.

Wenn sich Herbert Quandt mit einer neuen "Strukturstrategie" für seinen Konzern anzufreunden beginnt, so wohl in erster Linie wegen des "weiß-blauen Juwels", das immer wieder zu neuen Spekulationen Anlaß gibt. Quandt aber ist nachwievor bestrebt, die Unabhängigkeit dieses Unternehmens so lange wie möglich zu erhalten. Er wird sich deshalb einer zusätzlichen Absicherung in einer Konzern-Holding nicht verschließen. Denn "BMW ist für Herbert Quandt der hervorstechendste, sichtbarste Nachweis eigener unternehmerischer Qualifikation und unternehmerischen Gespürs", so kommentiert man sein persönliches, "emotional aufgeladenes" Verhältnis zu dem bayerischen Autounternehmen.

Am steilen Wiederaufstieg des Münchner Unternehmens, das 1959 um ein Haar eine Zulieferfabrik von Daimler-Benz geworden wäre, war er als "Ratgeber Nummer eins" beteiligt. Quandt hatte immer Zeit, wenn es um BMW ging. Um eine Chromleiste des ersten Mittelwagens (BMW 1500) etwa konnte er stundenlang mit dem Vorstand diskutieren.

Innerhalb der Gruppe nimmt das BMW-Paket bis heute eine Sonderstellung ein. Während an allen anderen Quandt-Unternehmen die beiden Brüder zu gleichen Teilen partizipierten, war die Quote Herberts bei BMW schon zu Lebzeiten Haralds größer.

Herberts Quandts gesammelte Werke

Exakt wird der Quandt-Anteil bei BMW nach wie vor nicht angegeben. Man kann jedoch davon ausgehen, daß Quandt über eine gute Mehrheit des Kapitals "verfügt" – vor allem wenn man noch die knapp zehn Prozent einbezieht, die bei der Gerling-Versicherungsgruppe gelandet sind; es wird vermutet, daß Quandt auf dieses Paket eine Art Option hat.

Das BMW-Management ist mit Quandt einer Meinung: Für eine "überschaubare Zeit" werde BMW als selbständiges Unternehmen am Markt besser operieren können, als wenn es sich "schlucken" lassen würde, meint Vorstandschef von Kuenheim. Aber auch Quandt macht sich wohl Gedanken über die nicht mehr überschaubare Zukunft. Dabei bietet sich ihm zwangsläufig die Alternative Daimler oder VW.

Eine Übereinkunft mit Daimler-Benz wäre heute wohl am ehesten denkbar. Wenn sich Quandt mit Friedrich Flick und der Deutschen Bank als den beiden Daimler-Hauptaktionären einigen würde, könnte er seinen BMW-Besitz in Stuttgart-Untertürkheim einbringen und dadurch dort auf einen Anteil von mehr als 25 Prozent kommen. Das "Vermögensobjekt" BMW wäre damit in einer größeren Vermögensmasse sicher angelegt. Die notwendige Abstimmung in der Modellpolitik – auf dem Markt der Sechszylinder sind BMW und Mercedes erbitterte Konkurrenten – könnte allerdings kaum vor 1975/76, wenn die großen Sechs-Zylinder-Wagen aus München zur Revision anstehen, getroffen werden.

Nur schwer denkbar wäre unter den heutigen Umständen eine "VW-Lösung". Die Aussichten wären günstiger, wenn der VW-Konzern sich einmal auf Holding-Funktionen beschränken und zu einer "Deutschen Automobil-Union AG" mausern würde. Zu den Massenprodukten (VW) und den Mittelwagen (Audi NSU) könnten dann die Groß- und Mittelwagen von BMW stoßen.

Quandt wird sich kurzfristig kaum auf solche Kombinationen einlassen. Solange in München die positiven Aspekte überwiegen, wird auch Quandt seinen Standpunkt nicht ändern. Eine "Quandt AG", in die Herbert Quandt auch seine BMW-Aktien einbringen würde, aber wäre fürs erste ein solides "Netz" für die bayerische Traditionsfirma, ein Risikopolster und ein Kapitalbeschaffungsinstrument für die nächsten Jahre. Auch den BMW-Kleinaktionären gäbe sie zusätzliche Sicherheit. Auf die Dauer aber würde eine solche Konstruktion einem grundlegend neuen Konzept für BMW nicht im Wege stehen. Dann könnten die "Planspiele" um die große, Autofusion wieder aktuell werden.