Bonn

Herr Karl Otto Krausse ist „wirklich sehr zufrieden“. Zusammen mit seiner Gattin hat er, wenn auch etwas beklommen, auf der Terrasse hinter dem Kabinettssaal im Palais Schaumburg dem Bundeskanzler und Frau Rut die Hand drücken und sich dann ganz ungeniert unter jene 1400 Gäste mischen können, die zu Willy Brandts Sommerfest gekommen waren. Mehr zweifelnd als hoffend hatte er über einen Parlamentarier, der bei ihm zur Miete wohnt, den Wunsch lanciert, auch einmal dabeizusein.

Für diesen Wunsch hatte Herr Krausse sozusagen einen geographischen Grund, denn, so schrieb er über seinen Mittelsmann: „Wir bewirtschaften den Kiosk gegenüber dem Eingang des Bundeskanzleramtes. Oft sehen wir den Bundeskanzler, sämtliche Minister sowie viele Staatsoberhäupter an uns vorbeifahren.“ Was Wunder, wenn sein Verlangen wuchs, einen Blick hinter die kunstvollen Schmiedegitter und hohen Mauern zu tun, von denen der Sitz des Regierungschefs umgeben ist. Das Kanzleramt hatte ihn prompt eingeladen: Aus Gründen der Nachbarschaft und um dem Fest, wie schon im letzten Jahr, das Odium „die da oben“ zu nehmen. Eingeladen waren auch Gastarbeiter, Soldaten, Krankenschwestern, Studenten, Lehrlinge. Und nachdem sich Willy und Rut Brandt für eine Viertelstunde an den Tisch gesetzt hatten, an dem zehn Aussiedler-Ehepaare aus Polen und Rumänien versammelt waren, hieß es dort: „Der Herr Kanzler ist doch sehr nett.“

Zu Herrn Krausses stärksten Eindrücken zählte, daß „alles so normal“ zuging, daß sich Botschafter, Minister, Wirtschaftsbosse mit den Unbekannten, den Nicht-Prominenten an den Ständen mit Brezeln, Würsten, Schaschlik, Bier und Wein anstellten, daß auf den Tanzflächen im Park und im Kanzlerbungalow, wo Kurt Edelhagen und das Zigeuner-Quintett Schnuckenack Reinhardt aufspielten, alles durcheinanderwirbelte, oder daß er unversehens Gustav Heinemann begegnete, der, von vielen unbemerkt, auf einen Sprung aus der Villa Hammerschmidt, seinem Amts- und Wohnsitz auf dem Nachbargrundstück, herübergekommen war.

Kurzum, die Staatsmänner präsentierten, sich nicht mit steifer Hemdbrust – und schon gar nicht ihre Gäste, die den Hinweis „sommerliche Kleidung“ auf der Einladungskarte auf die phantasievollste Weise ausgelegt hatten, besonders die Damen. Es gab keine protokollarischen Korsettstangen, wenngleich ein spritzig formulierter Waschzettel den Journalisten zur Beachtung empfohlen hatte, daß ein solches Sommerfest nicht nur dem Vergnügen der Regierenden und der Regierten diene, sondern im Kommuniquestil mit dem Satz definiert werde: „Der Abend soll... in zwanglosem Rahmen eine Begegnung zwischen Vertretern wesentlicher Bereiche der Gesellschaft und des öffentlichen Lebens ermöglichen.“

Als Inhaber eines Kiosks, der von Zeitungen über Getränke bis zu Zigaretten alles für den eiligen Bedarf feilbietet, empfindet sich Herr Krausse als ein Vertreter des Mittelstands, und in dieser Eigenschaft hätte er erklärtermaßen gern ein paar Sätze mit dem Kanzler gewechselt: ein benachbarter Supermarkt bedrängt ihn hart. Aber Willy Brandt hatte gleich zu Anfang verkündet, daß an diesem Abend keine Politik gemacht werden solle. Er beschränkte sich lieber auf den Wetterbericht: Mit einem Blick in die Wolken, aus denen er kurz zuvor noch geschüttet hatte, sagte er, der Bonner Himmel habe sich stabilisiert, die Blitze im Westen seien selten geworden und der Donner im Osten habe eine weniger grollende Tendenz.

Natürlich wurde dennoch politisiert, denn das können die Bonner nie lassen. Schon im Journalisten-Waschzettel hatte es geheißen: „Eine Einladungskarte auf den Namen Wieland Deutsch ist nicht herausgegangen.“ Ob Rainer Barzel, wenn er gekommen wäre, wohl ein ähnliches Blitzlichtgewitter auf sich gezogen hätte wie der Kanzler oder seine Minister Schmidt und Schiller, war Gegenstand mancher Spekulation. Aber die Prominenz der Opposition hatte samt und sonders abgesagt, teils wegen „anderweitiger Verpflichtungen“, teils mit einem lapidaren „Nein“. Zu sehen waren außer dem Abgeordneten von Weizsäcker allein der persönliche Referent Barzels und die beiden Pressesprecher der CDU, teils von Wehmut, teils von trotziger Zuversicht erfüllt, indem sie auf dem Boden des Palais Schaumburg feststellten, von hier als habe die Union zwanzig Jahre lang regiert und das müsse bald wieder so werden.