Honeckers Mannschaft

Von Joachim Nawrocki

Berlin, Ende Juni

Walter Ulbricht hat seit einer Woche wieder einen Posten weniger. Als die Ost-Berliner Volkskammer gegen Ende ihrer vierjährigen Wahlperiode zum zwanzigstenmal tagte, wählte sie Erich Honecker in das "verantwortungsvolle Amt" des Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates. Das war bisher Ulbrichts Ressort, dem neben seinem Ehrenvorsitz in der Partei jetzt nur noch der Vorsitz des Staatsrates bleibt. Aber auch in dieser Funktion wird er sich wohl nicht mehr lange halten.

Die Volkskammer, die sich jetzt ihre von der Verfassung auf vier Jahre begrenzte Wahlperiode im dreieinhalb Monate verlängert hat, soll am 14. November neu gewählt werden. Nach der DDR-Verfassung wäre die Wahlperiode am 1. Juli abgelaufen, spätestens sechzig Tage danach wäre die Neuwahl fällig gewesen. Bei der ersten Sitzung der neuen Volkskammer, die voraussichtlich noch im November sein wird, muß der Staatsrat für vier Jahre gewählt werden, und niemand rechnet noch damit, daß Walter Ulbricht erneut den Vorsitz erhält. Aussichtsreichster Nachfolgekandidat ist Willi Stoph, dessen Posten als Vorsitzender des Ministerrates wahrscheinlich Horst Sindermann übernehmen wird.

Honecker, Stoph und Sindermann werden dann an der Spitze einer 25köpfigen Führungsgruppe der SED stehen, in der die Politfunktionäre eindeutiger denn je das Übergewicht über die sogenannten Technokraten haben. Diese Gruppe wurde auf dem VIII. Parteitag kaum verändert; auch die ältesten Politbüro-Mitglieder wurden nicht abgelöst. Hinzu kamen der langweilige Werner Krolikowski von der Parteileitung in Dresden und der intelligente Werner Lamberz. Als Kandidaten wurden ins Politbüro neu gewählt der dogmatische Harry Tisch von der Bezirksleitung Rostock und – besonders bemerkenswert – der Sicherheitsminister Erich Mielke, genannt "Pistolen-Erich". Walter Ulbricht wurde als einziger nicht mehr ins Sekretariat des Zentralkomitees gewählt. Auch bei dem Führungsnachwuchs der SED zeigt sich, daß der Aufstieg über den Partei- und Regierungsapparat eine Voraussetzung für die höheren Weihen der Partei ist.

Der SED-Führungsgruppe gehören nunmehr an: die Politbüro-Mitglieder Hermann Axen (55 Jahre), Friedrich Ebert (76), Gerhard Grüneberg (49), Kurt Hager (58), Erich Honecker (58), Werner Krolikowski (43), Werner Lamberz (42), Günter Mittag (44), Erich Mückenberger (61), Alfred Neumann (61), Albert Norden (66), Horst Sindermann (55), Willi Stoph (56), Walter Ulbricht (77), Paul Verner (60) und Herbert Warnke (69); ferner die Kandidaten des Politbüros Georg Ewald (44), Walter Halbritter (43), Werner Jarowinsky (44), Günther Kleiber (39), Erich Mielke (63), Margarethe Müller (40) und Harry Tisch (44) sowie als Mitglied des Sekretariats Horst Dohlus (46) und als Vorsitzender der zentralen Revisionskommission Kurt Seibt (63).

Das Durchschnittsalter dieser Gruppe liegt etwas über 54 Jahre. Sekretäre des Zentralkomitees sind Erich Honecker als 1. Sekretär sowie Axen für internationale Verbindungen, Grüneberg für Landwirtschaft, Hager für Kultur und Wissenschaft, Jarowinsky für Handel und Versorgung, Lamberz für Agitation, Mittag für Wirtschaft, Norden für Propaganda und Verner als Nachfolger Honeckers für die Sicherheit und den Parteiapparat. Erich Mückenberger wurde Vorsitzender der Zentralen Parteikontrollkommission, was manche Kenner der SED überrascht hat; denn außer Ebert ist Mückenberger der einzige ehemalige Sozialdemokrat.

Honeckers Mannschaft

Sieht man von den Geschichtsprofessoren und Dogmatikern Norden und Hager ab, dann gibt es in dieser Gruppe nur sechs Mitglieder mit einer abgeschlossenen akademischen Laufbahn: Politbüro-Mitglied Günter Mittag ist Dr. rer. pol. oec., unter den Kandidaten ist Werner Halbritter Diplom-Wirtschaftler, Werner Jarowinsky Dr. rer. oec., der Datenverarbeitungs-Experte Günther Kleiber Diplom-Ingenieur, Margarethe Müller Diplom-Agronom und Harry Tisch Diplom-Gesellschaftswissenschaftler – was nicht bedeutet, daß die letzten beiden den Technokraten zuzurechnen wären. Zur Parteischulung in Moskau waren, soweit bekannt, nur Erich Honecker, Horst Dohlus und Kurt Seibt.

Zu Beginn ihrer Laufbahn waren sechzehn Mitglieder dieser SED-Spitzengruppe Arbeiter, fünf kommen aus Verwaltungs- und kaufmännischen Berufen, zwei aus der Landwirtschaft und weitere zwei, nämlich Hager und Sindermann, vom Journalismus. Auch Albert Norden, der zunächst Holzarbeiter war, hat viele Jahre als Journalist gearbeitet, vor allem in der Emigration in den USA. Nach dem Kriege waren sie aber fast ausnahmslos Funktionäre der SED und der FDJ oder – wie Ewald, Halbritter, Stoph, Jarowinsky, Kleiber, Mielke und Seibt – der Regierung. Friedrich Ebert war lange Zeit Ost-Berliner Oberbürgermeister, Alfred Neumann Vorsitzender des Volkswirtschaftsrates, Herbert Warnke ist Vorsitzender des FDGB. Allein die Anstandsdame Margarethe Müller hat noch heute einen zivilen Beruf: Sie ist Vorsitzende einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft.

Sechzehn dieser Politiker stammen aus Berlin oder aus dem heutigen Gebiet der DDR; fünf kommen aus dem Westen Deutschlands: Ebert aus Bremen, Hager aus Bietigheim in Baden, Honecker aus Neunkirchen an der Saar, Lamberz aus Mayen im Rheinland und Warnke aus Hamburg. Krolikowski, Mittag und Norden stammen aus Ostgebieten, Jarowinsky ist in Leningrad geboren.

Vor allem die älteren Politbüromitglieder und Kandidaten haben meist ein bewegtes und schweres Schicksal hinter sich, das während der Nazi-Zeit von illegaler Arbeit, Emigration und Haft gekennzeichnet ist. In der Wehrmacht waren Grüneberg, Stoph, Ewald, Tisch und Dohlus, vermutlich auch Kleiber, Krolikowski, Lamberz, Halbritter und Jarowinsky. Ebert war nur kurze Zeit Soldat, Mückenberger war in einem Strafbatallion und Mielke in der Roten Armee der Sowjetunion. Im spanischen Bürgerkrieg waren Hager, Mielke, Neumann, Verner und Ulbricht; Hager, Mielke, Norden, Verner und Warnke waren zeitweilig im Ausland interniert. In deutscher Haft waren Horst Sindermann (elf Jahre), Erich Honecker (zehn Jahre), Hermann Axen (nach östlichen Angaben acht Jahre, vermutlich wurde er aber 1939 in die Sowjetunion abgeschoben), Alfred Neumann (sechs Jahre), Kurt Seibt (fünf Jahre), Erich Mückenberger (zwei Jahre) und Friedrich Ebert (acht Monate).

Die Jüngeren hat das Schicksal besser behandelt. Eines Tages werden die Emigranten, die Spanien-Kämpfer und die ehemaligen Häftlinge in den Führungsgremien der SED in der Minderheit sein. Dann werden jene die Politik der SED bestimmen, die nicht im Deutschen Reich verfolgt wurden, sondern die in einem geteilten Deutschland Karriere gemacht haben.