Sieht man von den Geschichtsprofessoren und Dogmatikern Norden und Hager ab, dann gibt es in dieser Gruppe nur sechs Mitglieder mit einer abgeschlossenen akademischen Laufbahn: Politbüro-Mitglied Günter Mittag ist Dr. rer. pol. oec., unter den Kandidaten ist Werner Halbritter Diplom-Wirtschaftler, Werner Jarowinsky Dr. rer. oec., der Datenverarbeitungs-Experte Günther Kleiber Diplom-Ingenieur, Margarethe Müller Diplom-Agronom und Harry Tisch Diplom-Gesellschaftswissenschaftler – was nicht bedeutet, daß die letzten beiden den Technokraten zuzurechnen wären. Zur Parteischulung in Moskau waren, soweit bekannt, nur Erich Honecker, Horst Dohlus und Kurt Seibt.

Zu Beginn ihrer Laufbahn waren sechzehn Mitglieder dieser SED-Spitzengruppe Arbeiter, fünf kommen aus Verwaltungs- und kaufmännischen Berufen, zwei aus der Landwirtschaft und weitere zwei, nämlich Hager und Sindermann, vom Journalismus. Auch Albert Norden, der zunächst Holzarbeiter war, hat viele Jahre als Journalist gearbeitet, vor allem in der Emigration in den USA. Nach dem Kriege waren sie aber fast ausnahmslos Funktionäre der SED und der FDJ oder – wie Ewald, Halbritter, Stoph, Jarowinsky, Kleiber, Mielke und Seibt – der Regierung. Friedrich Ebert war lange Zeit Ost-Berliner Oberbürgermeister, Alfred Neumann Vorsitzender des Volkswirtschaftsrates, Herbert Warnke ist Vorsitzender des FDGB. Allein die Anstandsdame Margarethe Müller hat noch heute einen zivilen Beruf: Sie ist Vorsitzende einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft.

Sechzehn dieser Politiker stammen aus Berlin oder aus dem heutigen Gebiet der DDR; fünf kommen aus dem Westen Deutschlands: Ebert aus Bremen, Hager aus Bietigheim in Baden, Honecker aus Neunkirchen an der Saar, Lamberz aus Mayen im Rheinland und Warnke aus Hamburg. Krolikowski, Mittag und Norden stammen aus Ostgebieten, Jarowinsky ist in Leningrad geboren.

Vor allem die älteren Politbüromitglieder und Kandidaten haben meist ein bewegtes und schweres Schicksal hinter sich, das während der Nazi-Zeit von illegaler Arbeit, Emigration und Haft gekennzeichnet ist. In der Wehrmacht waren Grüneberg, Stoph, Ewald, Tisch und Dohlus, vermutlich auch Kleiber, Krolikowski, Lamberz, Halbritter und Jarowinsky. Ebert war nur kurze Zeit Soldat, Mückenberger war in einem Strafbatallion und Mielke in der Roten Armee der Sowjetunion. Im spanischen Bürgerkrieg waren Hager, Mielke, Neumann, Verner und Ulbricht; Hager, Mielke, Norden, Verner und Warnke waren zeitweilig im Ausland interniert. In deutscher Haft waren Horst Sindermann (elf Jahre), Erich Honecker (zehn Jahre), Hermann Axen (nach östlichen Angaben acht Jahre, vermutlich wurde er aber 1939 in die Sowjetunion abgeschoben), Alfred Neumann (sechs Jahre), Kurt Seibt (fünf Jahre), Erich Mückenberger (zwei Jahre) und Friedrich Ebert (acht Monate).

Die Jüngeren hat das Schicksal besser behandelt. Eines Tages werden die Emigranten, die Spanien-Kämpfer und die ehemaligen Häftlinge in den Führungsgremien der SED in der Minderheit sein. Dann werden jene die Politik der SED bestimmen, die nicht im Deutschen Reich verfolgt wurden, sondern die in einem geteilten Deutschland Karriere gemacht haben.