In einem Tagesbefehl zum 15jährigen Bestehen der Nationalen Volksarmee (NVA) ordnete DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoffmann am 1. März 1971 an: „Allen Armeeangehörigen ist ein kompromißloses Feindbild zu vermitteln. Die Klassenwachsamkeit ist gegenüber allen feindlichen Anschlägen zu erhöhen, der Haß auf den Klassengegner zu vertiefen.“

Der Entspannungsdialog zwischen Ost und West hat die Schwierigkeiten der NVA-Führung erhöht, ihre Soldaten mit einem klaren und überzeugenden Feindbild auszurüsten. Vermehrt müssen sich die ostdeutschen Politoffiziere mit „ideologischen Wirrköpfen“ und „ideologischen Grenzverletzern“ auseinandersetzen. So klagte Major Wittek, Leiter der Jugendabteilung in der Politischen Hauptverwaltung der NVA, kürzlich über ideologische Komplikationen bei der „Entwicklung eines solchen Feindbildes, das den unauslöschlichen Klassenhaß weckt Die Ostberliner Nationalzeitung bezeichnet das von Gewerbeschülern in Harzgerode angeschnittene Thema „Ist der Bundeswehrsoldat unser Feind?“ als „eine Frage, die unter die Haut geht“, als „echtes Problem der Jugendlichen“.

Beschwörend ermahnte deshalb der neugewählte SED-Chef Erich Honecker Ende Mai die Militärspitzen, daß „auch unter den komplizierten Bedingungen der Auseinandersetzung mit dem imperialistischen Todfeind“ die NVA ein „zuverlässiges Machtinstrument der Arbeiterklasse“ bleiben müsse. Mit der grotesken Behauptung, daß unter der sozialdemokratischen Führung die „Aggressionskraft der Bundeswehr“ in bisher nie dagewesenem Umfang gesteigert worden sei, versuchte Verteidigungsminister Hoff mann auf dem VIII. SED-Parteitag ein so „realistisches Feindbild“ an die Wand zu malen, wie es das SED-Regime zur Stützung seiner Abgrenzungsthesen und vor allem auch zur Rechtfertigung seiner eigenen massiven Rüstungsanstrengungen braucht.

In der Tat hat die Militarisierung der DDR-Bevölkerung in diesem Jahr einen propagandistischen, organisatorischen und finanziellen Höhepunkt erreicht. Gemessen an der Bevölkerungszahl zählt der „erste deutsche Friedensstaat“ heute zu den am stärksten gerüsteten Staaten der Welt. Hinter der allzeit einsatzbereiten und mit modernstem sowjetischen Kriegsmaterial ausgerüsteten Kadertruppe von über 200 000 Mann, stehen „nichtmilitärische“ Polizeieinheiten mit 90 000 Angehörigen und ein Reservoir von 700 000 bis 800 000 mobilisierbaren Reservisten. Dazu kommen noch die 400 000 Mann der auf Objektschutz und Partisanenkampf spezialisierten Betriebskampfgruppen. In den paramilitärischen „Schulen der Soldaten von morgen“, der FDJ und der „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST) werden rund 600 000 ostdeutsche Jugendliche planmäßig für den militärischen Gebrauch herangezogen.

Sogar im Kindergärten wird den ostdeutschen Kindern schon Haß und militaristischer Geist eingeimpft. Sie trällern: „Hör ich die Soldaten singen / laß ich all mein Spielzeug stehen / und ich renne auf die Straße / die Soldaten muß ich sehen / Fröhlich klingen ihre Lieder / ich steh stramm und grüße sie / und der Hauptmann grüßt mich wieder / vor der ganzen Kompanie.