DIE ZEIT

Lieber Ananas in Alaska

Ganz plötzlich ist Franz Josef Strauß ins Gerede gekommen – als Kanzlerkandidat für 1973....................................

Das Totenschiff

Die drei sowjetischen Kosmonauten Georgi Dobrowolskij, Wladislaw Wolkow und Viktor Pasajew sind tot. Nach 24tägiger Arbeit in der Orbitalstation „Salut“ sollten sie mit ihrer großen Kapsel in der Nacht zum Mittwoch wieder zur Erde zurückkehren – programmgemäß.

Malteser-Kreuz

Malta, die winzige Mittelmeerinsel, gibt den Mächten Rätsel auf. Was verbirgt sich hinter der Forderung des neuen Insel-Premiers Mintoff: „Malta den Maltesern“.

Schreckgespenster

Die Bonner Koalition hat einen ganz neuen Justizminister. Mit dem alten verbindet ihn nichts als der Name. Gerhard Jahn, der anderthalb Jahre lang mehr Reden über Reformen hielt, als seine Pressestelle vervielfältigen konnte, schweigt neuerdings.

Europa jenseits des Butterberges

Lieber Tim! Ich weiß, daß Sie jetzt allerhand um die Ohren haben. Es ist gewiß nicht einfach für Sie, den Leuten in Ihrem Wahlkreis die Regelung schmackhaft zu machen, die Ihr Parteifreund Geoffrey Rippon aus Brüssel mitgebracht hat – um so weniger, als Sie selber ja dem EWG-Beitritt stets mit großer Skepsis gegenüberstanden.

ZEITSPIEGEL

„Segne Städte, Inseln, Dörfer und Klöster, die unter der Touristenwelle leiden..., schütze unsere Brüder, die den Gefahren des modernen Geistes dieser neuzeitlichen Eindringlinge aus dem Westen ausgesetzt sind.

Eine Zeitung macht Geschichte

All the News That’s Fit to Print" – "Alle Nachrichten", so verkündet es täglich das Motto auf der Titelseite der New York Times, "die es wert sind, gedruckt zu werden.

Junge Forscher gegen alte Halbgötter

Dem einen sah man an, wer er war: ein "hervorragender Gelehrter", ein weißhaariger Halbgott der Wissenschaft. Der andere hatte weder Rang noch Namen; aber er war auch Wissenschaftler und vor allem: er war jung.

Zögernd in die Zukunft

Bei den Halbjahresbegegnungen des Bundeskanzlers mit dem französischen Staatspräsidenten, die der deutsch-französische Vertrag vorsieht, gibt es gewöhnlich ein vordringliches Thema.

Respektable Bilanz

Als der Bundestag vor einem Jahr in die Sommerferien ging, war die Stimmung im Regierungslager trist. Ob der Akkord mit Moskau tatsächlich gelingen würde, stand nicht fest.

Honeckers Mannschaft

Walter Ulbricht hat seit einer Woche wieder einen Posten weniger. Als die Ost-Berliner Volkskammer gegen Ende ihrer vierjährigen Wahlperiode zum zwanzigstenmal tagte, wählte sie Erich Honecker in das "verantwortungsvolle Amt" des Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates.

Fühler aus dem Kreml

Erst waren es Gerüchte, jetzt besteht Gewißheit: Moskau will wieder mit Jerusalem direkt ins Gespräch kommen. Ob sich aus den ersten, flüchtigen Kontakten bald diplomatische Beziehungen entwickeln werden, ist freilich fraglich.

Halber Sieg für die KPD

In Bonn versuchten die Unionsparteien die Verfassungswidrigkeit der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) als Nachfolgeorganisation der 1956 vom Bundesverfassungsgericht verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) nachzuweisen – in Flensburg aber gab das Landgericht ein 1968 verfaßtes KPD-Programm, das noch vor der Verteilung beschlagnahmt worden war, in einer dritten Prozeßrunde zur Veröffentlichung frei.

Ulbrichts drei Abweichungen

Aus ostdeutschen Quellen ist zu erfahren, daß die Chronik von Ulbrichts „Abweichungen“ fünf Jahre zurückreicht. Damals lancierte er seine eigenständige Politik gegenüber der Bundesrepublik, indem er die Führung der westdeutschen SPD-Opposition zu einem Dialog (Redneraustausch) einlud.

Der General läßt wählen

Am Sonnabend wählt Indonesien ein neues Parlament – das zweite Mal erst in der zwanzigjährigen Geschichte des Landes. Zum ersten Mal gingen die Bürger 1955 zur Urne.

Es wird weiter gemordet

Bengalen ist befriedet „mit Hilfe Allahs und der Armee“ (Yahya Khan). Doch mittlerweile hat es sich auch hierzulande herumgesprochen, daß dort die Ruhe des Friedhofs herrscht.

Ist die Volkarmee schlapp?

Hinter dem Pseudonym Rudolf Schröder versteckt sich ein gutplacierter Ostberliner Beobachter, Bürger der DDR. Wir veröffentlichen seinen Bericht, weil er zeigt, daß auch die Nationale Volksarmee ihre Traditionalisten und ihre Modernisten hat, ihre Debatte um „Innere Führung“ und soldatische Zucht.

Herr Krausse beim Kanzlerfest

Herr Karl Otto Krausse ist „wirklich sehr zufrieden“. Zusammen mit seiner Gattin hat er, wenn auch etwas beklommen, auf der Terrasse hinter dem Kabinettssaal im Palais Schaumburg dem Bundeskanzler und Frau Rut die Hand drücken und sich dann ganz ungeniert unter jene 1400 Gäste mischen können, die zu Willy Brandts Sommerfest gekommen waren.

Dorn im Auge

Der Mann der ersten Stunde ist noch längst nicht der erste Mann. Etwas voreilig hatte Horst-Ludwig Riemer, stellvertretender FDP-Vorsitzender von Nordrhein-Westfalen, Anfang Juni in Paris den Rücktritt seines Parteichefs Willi Weyer ausgeplaudert und sich der verblüfften Öffentlichkeit sogleich als Nachfolger präsentiert.

Der alte Sumpf

Manchmal erinnert er sich, manchmal erinnert er sich nicht. Meistens erinnert er sich, nicht. Wenn er sich doch erinnert, dann meistens an das, was er nicht getan, gesagt, wahrgenommen hat.

OAU: Dialog abgelehnt

Deutlicher als erwartet hat sich die OAU gegen den „Dialog“ mit Südafrika ausgesprochen. Mit 28 gegen sechs Stimmen bei fünf Enthaltungen erteilte die Gipfelkonferenz in Addis Abeba der Elfenbeinküste, die für den Dialog eintritt, in der vergangenen Woche eine klare Absage.

Salut/Sojus 11: Tod in der Kapsel

Das sowjetische Raumfahrt-Experiment Salut/Sojus 11 hat mit einer Katastrophe geendet. Die drei Kosmonauten – Kommandant Georgij Dobrowolsky, Flugingenieur Wladislaw Wolkow und Testingenieur Viktor Pazajew – sind während der Rückkehr zur Erde in der Nacht zum Mittwoch tödlich verunglückt.

Warschau-Vatikan: Besitz übereignet

Warschau hat der polnischen Kirche den katholischen Besitz in den Oder-Neiße-Gebieten übereignet. Damit hat der Sejm am Mittwoch voriger Woche einer alten Forderung der Kirche entsprochen und ein Versprechen erfüllt, das die Regierung im Februar gegeben hatte.

Keine Einigung über Devisenausgleich

Die vierte Gesprächsrunde über den Devisenausgleich für die Stationierungskosten der amerikanischen Truppen in der Bundesrepublik ist am Montag und Dienstag in Bonn ergebnislos verlaufen, Die Verhandlungen sollen in einigen Wochen in Washington fortgesetzt werden.

Nur Moskau optimistisch

Der erhoffte Durchbruch ist nicht gelungen: Nach ihrem 22. Berlingespräch am Freitag voriger Woche äußerten sich die drei westlichen Botschafter wesentlich zurückhaltender als am 7.

Dokumente der ZEIT

„Ich möchte meine besondere Dankbarkeit für das Verständnis und die Zusammenarbeit aussprechen, mit der die Gemeinschaft alle Probleme behandelt hat, und ein weiteres Wort der Anerkennung für die Rolle hinzufügen, die die EWG-Kommission während der harten, aber – und ich hoffe, das Haus wird dem zustimmen – erfolgreichen Verhandlungen spielte.

Paris betrachtet Liebermann

Am 22. Juni gab der französische Kulturminister Jacques Duhamel vor dem Senat und einen Tag darauf vor der Presse offiziell bekannt: Rolf Liebermann wird von 1973 an als „Administrateur general“ die Leitung der Reunion des Théâtres Lyriques Nationaux – der beiden Häuser Opera und Opera Comique – in Paris übernehmen; ihm zur Seite der Ungar Georg Solti als musikalischer Berater und Leiter des Orchestre de Paris.

Festspiele an der Ruhr – wozu?

Warum haben die das Stück nicht hierher, ins Ruhrgebiet, verlegt. Das hat’s doch hier genauso gegeben“, meinte ein jüngerer Besucher an der Pausen-Theke.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Rod „The Mod“ Stewart ist ein einzigartiger Vokalstilist, ein brillanter Rock-Prosaist und der größte weiße Blues- und Rhythm-&-Blues-Sänger überhaupt.

Trauerspiel im Medienverbund

Vor kurzem berieten die Ministerpräsidenten der Länder wieder einmal über das Fernstudium im Medienverbund, konnten sich aber nicht einigen.

Fetzen und Farben

Ankleben und Abreißen, zwei im Alltag geläufige manuelle Handlungen, werden durch französische Bezeichnungen geadelt, sobald es sich dabei um künstlerische Gesten handelt: Man spricht dann von collagieren und decollagieren.

Kunstkalender

Sinnliche Vitalität, in seiner Malerei gelegentlich zu koloristischer Kraftmalerei gesteigert, ist auch das Kennzeichen der druckgraphischen Arbeiten: Corinth ist ein Gourmand alles Gegenständlichen.

Nochmals Günter Gross: Plädoyer für den falschen Drachen

Vielleicht muß man Ausländer sein – und mit einigen Skrupeln beschwert, ob die Einmischung in einen so deutschen Hausstreit einem zusteht –, um die öffentliche Hinrichtung, die Günter Grass in der deutschen Presse von Links bis Liberal bereitet wird, etwas beängstigend zu finden.

ZEITMOSAIK

Es ist viel im Menschen, sagen wir, da kann viel aus ihm gemacht werden. Wie er ist, muß er nicht bleiben; nicht nur wie er ist, darf er betrachtet werden, sondern auch, wie er sein könnte.

Deutscher geht’s nicht

von freundschaftlicher Verbundenheit mit dem Autor oder ähnlichen karitativen Gefühlen, jedenfalls nicht von Sachkenntnis oder wissenschaftlichen Verantwortung beeinflußt wurde.

KRITIK IN KÜRZE

„Theorie der feinen Leute – Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen“, von Thorstein Vehlen. Wieso unser Konsum, unsere Lebensgewohnheiten, unsere Kleidung an den Maßstäben einer müßigen Oberklasse orientiert sind, warum die Moden immer schneller wechseln und auf welche Weise die Selbstverstümmelung der Frau durch unbequeme Kleidung und nutzlosen Aufwand die Arbeitsunfähigkeit der Trägerin und damit die Zahlungspotenz des Haushaltsvorstandes bezeugt, das hat Vehlen in einer weitgespannten, amüsant zu lesenden Untersuchung begreiflich zu machen versucht.

ZU EMPFEHLEN

Ein siebzigjähriger Revolutionär relativiert den Revolutionseifer von Siebzehnjährigen, setzt ihren maßlosen Fragen maßvolle Antworten entgegen, dämpft ihre Heilserwartungen und ermuntert ihren Neuerungsdrang – Worte eines weisen Ketzers, die nicht nur in eine Richtung gesprochen sind.

Unser Seller-Teller Juni 1971

DDR: Breshnew, „Auf dem Wege Lenins“, 2 Bände; Autorenkollektiv, „Der deutsche Militarismus“; Gaebler, „Mathematik und Leben“, Band 1; Cronin, „Die Zitadelle“; „Meiers Jugendlexikon“ (laut Literaturbeilage des Neuen Deutschland 6/71).

Wie eine Krise nicht behoben wird

Seit Klaus Wagenbach sein Lesebuch der sechziger Jahre (1968) herausgebracht hat, sind die meisten der vordersinnig über den miserablen Zustand deutscher Lesebücher klagenden Publizisten ruhiger geworden, obgleich auch Wagenbachs mustergültiger Versuch, zeitgenössische und zugleich bringen, deutsche Literatur in die Schulen zu bringen, sich nur geringfügig bayerischen hat.

Unpossierliche Tiere

Bildbände über Tiere haben oft die fatale Neigung, das Tier zum Gegenstand sentimentaler oder anthropomorpher Augenweide zu verfälschen; die alljährlich in Masse erscheinenden Katzen- und Hundekalender sind das ärgste Beispiel solchen optischen Mißbrauchs.

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