Von Rudolf Schröder, Ostberlin

Hinter dem Pseudonym Rudolf Schröder versteckt sich ein gutplacierter Ostberliner Beobachter, Bürger der DDR. Wir veröffentlichen seinen Bericht, weil er zeigt, daß auch die Nationale Volksarmee ihre Traditionalisten und ihre Modernisten hat, ihre Debatte um „Innere Führung“ und soldatische Zucht.

Die Nationale Volksarmee der DDR trägt steingraue Waffenröcke. Die Landser des Ersten Weltkrieges, die Reichswehrsoldaten und die Angehörigen der Wehrmacht Hitlers trugen auch dieses Grau. Davon aber will man in der NVA nichts wissen, sondern führt das Grau auf die Uniformfarbe des von Scharnhorst organisierten Volksheeres der Freiheitskriege von 1813 zurück.

Mit Hitler und seinem Geist hat diese Armee aber auch nicht mehr das geringste gemein. Im Gegenteil. Sie hat auch nichts mehr zu tun mit Hitleroffizieren. In den Anfangsjahren der NVA gab es wohl zwei oder drei ehemalige Hitlergenerale und ein paar ehemalige Wehrmachtsobristen. Meines Wissens sind sie heute bis auf einen alle im Ruhestand: den Genossen Oberst Job von Witzleben, Neffe des nach dem 20. Juli 1944 von Freislers Volksgerichtshof zum Tode verurteilten Generalfeldmarschalls gleichen Namens. Witzleben hat kein Kommando inne, sondern betreibt „militärhistorische Stadien“.

Die führenden Kräfte der NVA – das sind nach den Worten des Ministers für Nationale Verteidigung der DDR, Armeegeneral Heinz Hoffmann, die „besten Söhne des deutschen Volkes, die unter den Bedingungen eines grausamen Terrors in den Konzentrationslagern, Zuchthäusern und Gestapokellern, in Rüstungsbetrieben und Wehrmachtsdienststellen, in den Reihen der Sowjetarmee und der Partisanenbewegung, im Nationalkomitee Freies Deutschland und in anderen Organisationen der Widerstandsbewegung in fast allen Ländern Europas standhaft gegen die Faschisten kämpften, die ihre Treue zur Sache der Arbeiterklasse, zur Freundschaft mit der Sowjetunion, unerschütterlichen Glauben an den Triumph der Ideen des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus auch in den schwersten Stunden bewiesen“.

In den letzten Jahren führte ich mit zahlreichen Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten der NVA Gespräche. Das Hervorstechende dabei war, daß alle den Verteidigungsauftrag und Verteidigungscharakter der NVA bestätigten und bekräftigten. Mit einer Armee, deren Angehörigen jahrelang immer wieder eingehämmert wird, daß sie die sozialistischen Errungenschaften ihres Landes gegen jeden Angriff eines potentiellen Gegners von außen zu verteidigen haben, läßt sich kein Angriffskrieg vorbereiten oder führen. Das ist eine simple Erkenntnis, aber man muß sie sich zu eigen machen, wenn man die NVA beurteilen will.

Ist die NVA eine schlagkräftige und ernstzunehmende Armee?