Von M. Y. Cho

Hat die wiedererstandene Großmacht Japan abermals imperialistische Ambitionen? Bereits in dem erstmals 1905 in New York erschienenen und im Jahre 1968 nachgedruckten Buch „The International Position of Japan as a Great Power“ fragte der japanische Autor Seiji G. Hishida, ob und wie das soeben zur Großmacht aufgestiegene Inselreich seine „Schwesternationen in Asien“, insbesondere die beiden „kranken Nachbarn“ China und Korea, „retten“ könne. Seiner Antwort entsprach dann bald das Konzept einer „Großostasiatischen Sphäre für gemeinsamen Wohlstand“, der Dai-to-a Kyo-ei-ken, auf das der Zweite Weltkrieg in Asien zurückzuführen ist. Obwohl dieses ökonomisch-politische Konzept ins Verhängnis geführt hat, war es keineswegs unverständlich, sollte es doch gewissermaßen eine asiatische Version der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft oder der Vereinigten Staaten von Europa werden. Nicht von ungefähr beschäftigen sich seit einiger Zeit immer mehr japanische Historiker und Journalisten mit diesem Konzept und seinen Folgen, zum Beispiel Fusao Hayashi in einem zweibändigen Bestseller „Dai-to-a Senso Koteiron“ („Zur Bejahung des Großostasiatischen Krieges“, Tokyo 1964/65).

Kein Wunder, daß Peking beharrlich vor einer Neubelebung des japanischen Großraumkonzepts warnt. Auf Taiwan, wohlgemerkt im Lande Tschiang Kai-scheks, ist ein „nationalchinesischer“ Politologe sogar so weit gegangen, daß er nicht nur die Rückgewinnung ehemals chinesischer Gebiete in der Sowjetunion empfiehlt, sondern auch für einen Wiederzusammenschluß Japans und Koreas mit China plädiert und Südostasien als „Lebenslinie“ Chinas bezeichnet: Wu Tsungyüeh; „Chungkuote Tiyüan Chengchih“ („Chinas Geopolitik“, Taipei 1964).

Waren die asiatischen Völker gegen Japan früher feindselig, so sind sie heute mißtrauisch. Japan hätte also allen Grund, nach wie vor in seiner Außenpolitik vorsichtig ans Werk zu gehen. Erfreulicherweise kann es sich der amerikanische Gelehrte Lawrence Olson leisten, unbefangen und mit profunden Sach- und Sprachkentnissen über dieses Problem zu schreiben:

Lawrence Olson: „Japan in Postwar Asia“; hrsg. im Auftrage des Council on Foreign Relations; Pall Mall Press, London, Oktober 1970; 292 S., £ 3,35.

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: „Japans Rückkehr nach Asien, 1952/64“ und „Japan und Asien, 1964/69“. Olson untersucht die Schwierigkeiten in den Beziehungen Japans mit Süd- und Südostasien, etwa bei den Reparationen, bei den Verhandlungen über einen Normalisierungsvertrag mit Südkorea, seiner ehemaligen Kolonie, und nicht zuletzt in der chinesischen Frage.

Mit Recht hebt der Autor Japans Sicherheit und seine Entwicklungshilfe für Asien als zwei Hauptprobleme der japanischen Außenpolitik hervor. Ich bin allerdings nicht der Auffassung des Autors, daß hinter den Handelsbeziehungen Japans mit den anderen asiatischen Ländern „immer“ politische Ziele gestanden haben. Mir scheint das Umgekehrte vielmehr der Fall zu sein: Nachdem die Japaner ihre wirtschaftlichen Aktivitäten in Asien intensiviert hatten, wurden sie sich ihrer Chancen für politische Macht bewußt. Japan ist nur noch nicht der Aufgabe gewachsen, eine größere Rolle in Südostasien zu spielen, weil, so Olson, die meisten Japaner ihre traditionelle „kulturelle Distanz“ zu dieser Region nicht überwinden können.