Von Nina Grunenberg

Berlin, Ende Juni

Dem einen sah man an, wer er war: ein "hervorragender Gelehrter", ein weißhaariger Halbgott der Wissenschaft. Der andere hatte weder Rang noch Namen; aber er war auch Wissenschaftler und vor allem: er war jung. Beide gehören zur Max-Planck-Gesellschaft, beide trugen den schwarzen Festanzug. Sie standen vor dem Restaurant des "Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller", in dem die Pressekonferenz stattfinden sollte. Die Max-Planck-Gesellschaft feierte in der vergangenen Woche die sechzigste Wiederkehr ihrer Gründung durch Kaiser Wilhelm II. Und diese Szene gehörte dazu:

Der junge Herr ging auf den alten los, mit gerötetem Gesicht und geballten Fäusten. Außer sich vor Zorn schrie er ihn an: "Wie können Sie wagen-, so etwas zu sagen!" Keiner von denen, die vorübergingen, hörte genau, was gesagt wurde und worum es ging, aber jeder wußte: Wenn Deutschlands bedeutendste Gelehrtenrepublik laut und ruppig wird, ist "die Situation da".

Was vor einem Jahr noch eine Tempelschändung gewesen wäre, war jetzt nur eine beiläufige, wenn auch indizienträchtige Szene. Für feierliche Rückblicke fehlte sowohl dem Establishment der Gesellschaft, als auch ihrem Fußvolk die Stirnmung. Selbst die Erinnerung an Kaiser Wilhelms "weitsichtige Initiativen und Entscheidungen" im Jahre 1911, als er die Gesellschaft "zur Förderung der Wissenschaften" gründete und ihr seinen Namen verlieh, warf lediglich die Frage auf, von wem und mit welchem Geschick die Max-Planck-Gesellschaft weitsichtig in die Zukunft geführt werden, würde. Es ging auch nicht um den Zustand der Wissenschaften. Im Sitzungszimmer und in der Hotelbar des Kempinski, in der Wandelhalle wie beim kalten Büffet im Palais am Funkturm ging es nur darum: um die Verfassung ihrer Jünger.

Den Zündstoff hat der "Mittelbau" der Max-Planck-Gesellschaft geliefert, die wissenschaftlichen Mitarbeiter, die ihren Platz in der Hierarchie als Helfer der "hervorragenden" Gelehrten haben. Für ihren Entschluß, die Faust aus der Tasche zu ziehen und das Wort zu ergreifen, haben sie zwei, drei Jahre gebraucht. Was sie fordern, ist an den Universitäten längst nicht mehr originell, für die Max-Planck-Gesellschaft jedoch ein Novum: Sie möchten mittels Mitbestimmung an den Leitungsfunktionen partizipieren.

Hildegard Hamm-Brücher, die als Staatssekretärin und Vertreterin des Bundes im Senat der Max-Planck-Gesellschaft sitzt, erzählte erheitert: "Wenn der Senat das Wort Mitbestimmung hört, fällt er in Ohnmacht." Der Bund wird allerdings auch nicht müde, die Mitbestimmung als Allheilmittel für die Max-Planck-Gesellschafts-Krise wohlfeil anzubieten. Doch die Gelehrten sind außerstande, in trivialen Worten Trost zu finden. Für ihr kompliziertes Problem brauchen sie differenziertere Mittel. "Wir lernen einsehen", erklärte Generalsekretär Friedrich Schneider, "daß sich Veränderungen um uns herum vollzogen haben, die wir nicht übersehen können. Wir dürfen uns nicht mehr auf den Standpunkt des vergangenen Jahrhunderts stellen, wir können den Angehörigen unserer Gesellschaft aber auch keine Rechte einräumen, die wir nicht einhalten können."

Über neue Grundsätze der inneren Struktur wird in der Max-Planck-Gesellschaft seit drei Jahren beraten. Daß die Strukturkommission bisher noch nicht zu Ergebnissen gekommen ist, die nennenswert wären, wird in allen Rängen als enttäuschend empfunden. In den alten wie neuen Grundsätzen zählt aber, ein Punkt, der von Anfang an zum Prinzipien-Strauß der Gesellschaft gehört hat: "Die Stellung eines Wissenschaftlers in der Max-Planck-Gesellschaft richtet sich nach seiner wissenschaftlichen Qualifikation."

Aus solcher Ecke betrachtet, ist die Forderung nach Mitbestimmung, die von den Delegierten der wissenschaftlichen Mitarbeiter im letzten Monat auf einer Tagung in Arnoldshain erhoben wurde, so einfach nicht mehr zu beantworten. "Sind die Delegierten die qualifizierten Exponenten einer jüngeren Wissenschaftler-Generation?", so wird nun gefragt. "Oder sind es Leute, die aus einer beruflichen Stagnation heraus aktiv werden und durch profilierte politische Ansichten die nötigen Stimmen auf sich vereinen?"

"Es ist nicht die erste Garnitur des Nachwuchses", so sagen die "Falken" unter den Gelehrten, "denn die müssen Mitbestimmung nicht fordern, sie haben sie." Dagegen meint ein Delegierter der wissenschaftlichen Mitarbeiter: "Alle Wissenschaftler sind aus der Natur der Sache heraus gleich." Doch es gibt gute und schlechte Wissenschaftler, und darauf lautet die Gegenfrage: "Ist wissenschaftliche Qualität objektivierbar?"

Reimar Lust, Direktor des Institut für extraterrestrische Physik in Garching, eine "Taube" im Gelehrtenlager, hält das für problematisch: "Das Prinzip, denjenigen Wissenschaftler am meisten zu fördern, der die originellsten Ideen produziert, ist zu einfach. Außer Originalität ist zum Beispiel auch das Durchsetzungsvermögen ein Talent, das die Qualität eines Wissenschaftlers ausmachen kann. Die Leistung kann außerdem nicht unabhängig von den Projekten gesehen werden, die gerade gefördert werden" Nach was mißt sich also der Status eines Wissenschaftlers in der Max-Planck-Gesellschaft?

"Mein nächstes Ziel ist ein Lehrstuhl an der Universität", sagt der Delegierte der wissenschaftlichen Mitarbeiter, "nur über diesen Umweg schaffe ich es, Institutsdirektor in der Max-Planck-Gesellschaft zu werden." Wahrscheinlich ist das Traum und Trauma der Mehrzahl aller

1850 Mitarbeiter. Was sonst sollte ihnen in der Max-Planck-Gesellschaft auch als Chance ihres Lebens vorkommen? Die Gesellschaft hat demgegenüber anzubieten: 54 Institute und 198 Stellen für Direktoren und wissenschaftliche Mitglieder.

"Es ist ein Profilierungsproblem‘, meint ein Kenner der Verhältnisse. "Wenn ein Physiker sich entschließt, nicht zu den Elektrizitätswerken zu gehen und auch nicht Physiklehrer zu werden, sondern die wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, dann stehen ihm als Karriereziel das Ordinariat, der Institutsdirektor und der hervorragende Gelehrte‘ vor Augen. Eine breite Schicht findet sich nach einigen Jahren im Raum davor wieder, als Akademischer Rat, als außerordentlicher Professor. Und mindestens fünfzig bis siebzig Prozent sind aus der grauen Masse gar nicht aufgetaucht und haben den sozialrelevanten Aufstieg nicht geschafft."

Die wissenschaftlichen Mitarbeiter der MPG, der Max-Planck-Gesellschaft, haben vielfach Zeitverträge; denn im Prinzip wird keineswegs davon ausgegangen, daß sie in der Gesellschaft ihre Lebensstellung finden. Vielmehr wird es schon als hervorragende Chance angesehen, für ein paar Jahre dort arbeiten zu dürfen und ausgebildet zu werden. Etwa die Hälfte von ihnen wird im Laufe von fünf Jahren abgelöst. Für die Gesellschaft ist eine hohe Fluktuationsrate notwendig; denn je jünger die Wissenschaftler sind, desto größer ist die Aussicht, eine originelle Leistung von ihnen zu bekommen.

Hier spielt auch der ausgebrannte Naturwissenschaftler seine Rolle als Schreckgespenst: Mit vierzig Jahren, so heißt es, ist alles vorbei, die Kreativitätsphase zu Ende. Wen wundert es also, daß die wissenschaftlichen Mitarbeiter, wenn sie schon nicht das Zeug zum "hervorragenden Gelehrten" haben, wenigstens sozial gesichert sein wollen?

Ein Faktum ist auch, daß gerade die Großforschungs-Institute Stammpersonal brauchen und daß wissenschaftliche Projekte dort oft länger dauern als drei bis vier Jahre. Dann werden die Verträge erneuert, aber dem einzelnen Vertragspartner fehlt die Klarheit; er weiß nicht, wann die Vertragskette ihr Ende hat. Er weiß auch nicht, ob der Absprung in eine andere Tätigkeit dann noch gelingt. Beispiel: "Für die richtigen Plasmaphysiker ist es schwierig, Anschluß in anderen Instituten zu finden. Sie können nur umlernen." Wenn aber Zeitverträge aus der Natur der Sache zu begründen sind – warum erhalten dann die Institutsdirektoren Verträge auf Lebenszeit?

Der Aufruhr unter den jungen Wissenschaftlern ist alles andere als nur eine "linke" Bewegung, mögen auch noch so viele Worte über "gesellschaftliche Relevanz der Wissenschaft" fallen. Was sie wollen, ist soziale Sicherheit, sind Aufstiegschancen, Statussymbole – kurz, die Hälfte der Macht, die bisher von der Spitze der Hierarchie gehalten wird.

Adolf Butenandt, Nobelpreisträger, seit zehn Jahren Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, tritt im nächsten Jahr zurück. Im November wird satzungsgemäß der neue Präsident gewählt. Wer es auch sein mag, er wird sich nicht mehr am klassischen Strukturmodell der Max-Planck-alias Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft orientieren können. Er wird kein Halbgott, er wird ein primus inter pares sein müssen. Nicht die Wissenschaft – die Wissenschaftler sind das Problem seiner Gesellschaft.