Die wissenschaftlichen Mitarbeiter der MPG, der Max-Planck-Gesellschaft, haben vielfach Zeitverträge; denn im Prinzip wird keineswegs davon ausgegangen, daß sie in der Gesellschaft ihre Lebensstellung finden. Vielmehr wird es schon als hervorragende Chance angesehen, für ein paar Jahre dort arbeiten zu dürfen und ausgebildet zu werden. Etwa die Hälfte von ihnen wird im Laufe von fünf Jahren abgelöst. Für die Gesellschaft ist eine hohe Fluktuationsrate notwendig; denn je jünger die Wissenschaftler sind, desto größer ist die Aussicht, eine originelle Leistung von ihnen zu bekommen.

Hier spielt auch der ausgebrannte Naturwissenschaftler seine Rolle als Schreckgespenst: Mit vierzig Jahren, so heißt es, ist alles vorbei, die Kreativitätsphase zu Ende. Wen wundert es also, daß die wissenschaftlichen Mitarbeiter, wenn sie schon nicht das Zeug zum "hervorragenden Gelehrten" haben, wenigstens sozial gesichert sein wollen?

Ein Faktum ist auch, daß gerade die Großforschungs-Institute Stammpersonal brauchen und daß wissenschaftliche Projekte dort oft länger dauern als drei bis vier Jahre. Dann werden die Verträge erneuert, aber dem einzelnen Vertragspartner fehlt die Klarheit; er weiß nicht, wann die Vertragskette ihr Ende hat. Er weiß auch nicht, ob der Absprung in eine andere Tätigkeit dann noch gelingt. Beispiel: "Für die richtigen Plasmaphysiker ist es schwierig, Anschluß in anderen Instituten zu finden. Sie können nur umlernen." Wenn aber Zeitverträge aus der Natur der Sache zu begründen sind – warum erhalten dann die Institutsdirektoren Verträge auf Lebenszeit?

Der Aufruhr unter den jungen Wissenschaftlern ist alles andere als nur eine "linke" Bewegung, mögen auch noch so viele Worte über "gesellschaftliche Relevanz der Wissenschaft" fallen. Was sie wollen, ist soziale Sicherheit, sind Aufstiegschancen, Statussymbole – kurz, die Hälfte der Macht, die bisher von der Spitze der Hierarchie gehalten wird.

Adolf Butenandt, Nobelpreisträger, seit zehn Jahren Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, tritt im nächsten Jahr zurück. Im November wird satzungsgemäß der neue Präsident gewählt. Wer es auch sein mag, er wird sich nicht mehr am klassischen Strukturmodell der Max-Planck-alias Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft orientieren können. Er wird kein Halbgott, er wird ein primus inter pares sein müssen. Nicht die Wissenschaft – die Wissenschaftler sind das Problem seiner Gesellschaft.