Doch mit etwas mehr Pech für Porsche und etwas mehr Glück für die italienischen Wagen hätte der Weltmeister vielleicht nicht Porsche, sondern Ferrari oder Alfa Romeo geheißen. Auf jeden Fall aber hätte Porsche nicht die 70 Punkte gehabt, die nach dem Le-Mans-Rennen auf dem Konto des deutschen Fabrikats standen.

Denn schon beim ersten Lauf zur Meisterschaft, dem 1000-km-Rennen in Buenos Aires, erschrak man bei Wyer nicht schlecht. Nicht ihre Typen 917K, sondern der einzige im Rennen eingesetzte Ferrari 312P unter den beiden italienischen Nachwuchsfahrern Giunti und Merzario, fahrerisch wahrlich nicht mit Siffert und Rodriguez zu vergleichen, fuhr rundenlang vor dem Feld einher. Erst der in der Presse sehr hochgespielte Unfall von Giunti, der auf den Matra des Franzosen Beltoise auffuhr und dabei ums Leben kam, eliminierte den italienischen Zwölfzylinder. Porsche siegte also, und daheim in Europa freute man sich, das erwartete Ergebnis zu hören. Alfa Romeo – langsam, aber standfest – kam auf den dritten Platz. Zufriedene Gesichter auch in Carlo Chitis Autodelta-Team.

Waren in Argentinien wenigstens die Wyer-Gulf-Porsche, drei Alfa 33 3 und ein Werks-Matra 660 am Start, so sah die Nennliste beim darauffolgenden 24-Stunden-Rennen von Daytona Beach in Florida erschreckend aus: Die JW-Gulf-Porsche waren die einzigen Werkswagen, den Rest des Feldes bildeten die Privatteams. Es wurde hier augenscheinlich, daß Ferrari dem Formel-1-Projekt den Vorzug gab, und Alfa Romeo – so gut, wie ihr V8-Motor auch lief – die Haupthoffnungen auf das neue 12-Zylinder-Triebwerk setzte, mit dem man 1972 das Blatt zu seinen Gunsten wenden will. Matra startete aus Mangel an Fahrern nicht, da man Beltoise wegen des Vorfalles in Argentinien die Lizenz entzogen hatte, und der Franzose Pescarolo, der im Vorjahr noch die Farben der französischen Firma vertreten hatte, zu Alfa Romeo gewechselt war.

Wieder konnte der Sieger also nur ein JW-Gulf-Porsche werden. Es kam auch so, jedoch wieder nur mit Glück, mit noch größerem Glück als zuvor in Buenos Aires. Ein Vorjahrs-Ferrari 512M war vor dem amerikanischen Roger-Penske-Team gekauft worden, völlig auseinander genommen und wieder zusammengesetzt worden. Den Motor hatte man der amerikanischen Tuning-Firma Traco anvertraut, die bisher nur auf klobige amerikanische 8-Zylinder-Maschinen spezialisiert war. Traco brachte es jedoch fertig, dem italienischen Zwölfzylinder 40 PS mehr einzuverleiben und ihm außerdem noch die dazugehörige Standfestigkeit zu geben. Dieser Wagen, gesteuert von der amerikanisch-britischen Equipe Donohue/Parkes, war im Training bei weitem der schnellste. Er hätte auch das Rennen klar gewonnen, wäre Donohue nicht in der Nacht mit einem am Schluß des Feldes einherfahrenden Porsche kollidiert. Es ist anzunehmen, daß es äußerst spannende Kämpfe in dieser Saison gegeben hätte, wäre von Ferrari Penske das Sportwagenprogramm übertragen worden. Allein die gedrillte Boxenmannschaft von Penske veranlaßte Rolf Stommelen zu dem Ausspruch: "Gegen die sind Wyers Leute Waisenknaben."

Beim nächsten Lauf, den 12 Stunden von Sebring, war es wieder das gleiche Lied. Der von Donohue/Hobbs pilotierte Penske-Ferrari war Trainingsschnellster, der Werkswagen mit Ickx/Andretti Zweiter, dann erst kam die Porsche-Meute. Doch auch hier Glück für die Porsche. Beim Kampf um die Spitze fuhr der als Rauhbein bekannte Rodriguez den Penske-Ferrari an, so daß dieser eine Stunde lang an den Boxen repariert werden mußte. Ickx auf dem anderen Ferrari erlitt einen Motorschaden. Allerdings hatten auch die JW-Leute ihre Probleme, und dieses Rennen wurde zu einem Erfolg für Dechents Martini-917 mit Elford/Larrousse am Steuer.

Dann jedoch kam die große Überraschung, mit der eigentlich niemand gerechnet hatte. Auf dem englischen Rennkurs von Brands Hatch endete das 1000-km-Rennen mit einem Triumph für Alfa Romeo, die zum erstenmal seit 20 Jahren wieder ein zu einer Weltmeisterschaft zählendes Rennen gewinnen konnten. Man soll jedoch ehrlich sein, Alfa gewann nur deshalb, weil die Porsche und Ferrari ausfielen beziehungsweise an den Boxen zu lange aufgehalten wurden. Es hätte sogar einen Alfa-Doppelsieg gegeben, wenn nicht Stommelens italienischer Co-Pilot Galli kurz vor dem Ziel den Motor seines Wagens zuschanden gefahren hätte. Trotzdem konnte man sich am Abend des Renntages kein glücklicheres Team vorstellen als die Leute um Carlo Chiti.

Danach kamen in Monza und Spa-Franchorchamps die zu erwartenden Erfolge für Porsche, die auf diesen extremen Hochgeschwindigkeitskursen natürlich mit ihren fünf Litern Hubraum und den daraus resultierenden hohen PS-Zahlen die Konkurrenz in Grund und Boden fuhren. Hier wurde jedoch das sichtbar, was sich seit Beginn der Saison abzeichnete: Nicht mehr der Schweizer Jo Siffert, sondern der Mexikaner Pedro Rodriguez rückte zum Fahrer Nummer eins bei Wyer auf.