Nach Spa versammelte sich der "Zirkus" auf Sizilien, um unter der heißen Sonne und den Augen der Mafia das älteste und traditionsreichste Rennen dieser Meisterschaft, die Targa Florio um den über 70 km langen Madonie-Kurs, auszutragen. Über 400 000 Zuschauer säumten die Strecke, als "ihr" Nino "Nazionale" Vaccarella, Schulmeister aus Palermo und Held aller Sizilianer, auf einem Alfa Romeo einem unangefochtenen Sieg entgegenfuhr (nachdem alle für den Sieg in Frage kommenden Porsche ausgefallen waren).

Nun konnte es also zum Schluß doch noch einmal spannend werden. Alfa Romeo hätte der große Wurf gelingen können. Doch es sollte nicht sein. Obwohl der bei Alfa inzwischen zum schnellsten Fahrer aufgerückte Stommelen auf dem Nürburgring hinter Ickx die zweitschnellste Zeit erreichte (und das gegen die außerordentlich leichten und schnellen Porsche 908/3, die hier und auf, der Targa den 917 vorgezogen wurden), war das Glück den Italienern nicht beschieden. Stommelen zeigte sich zwar vor dem Rennen den deutschen Fernsehzuschauern gegenüber sehr optimistisch: "Der Ferrari fällt wahrscheinlich aus, und ich bin sicher, daß dann ein Alfa siegen wird." Nun, der Ferrari fiel tatsächlich aus, aber kurz danach mußte auch Stommelen seinen in Führung liegenden Alfa an den Boxen stehenlassen. Seine Teamgefährten de Adamich/Pescarolo waren nicht schnell genug, um den Porsche von Elford/Larrousse und, Siffert/Rodriguez ernsthaft Paroli bieten zu können.

Es stand also schon nach dem Rennen am "Ring" fest, wer Weltmeister war. Doch eine Marken Weltmeisterschaft, so schön es auch klingen mag, zählt nicht halb soviel wie ein Sieg im publikumswirksamsten Rennen der Welt, den 24 Stunden von Le Mans. Alfa trat hier nicht mehr an, es war klar, daß man auf dieser sehr schnellen Strecke keine Chancen gegen die Fünfliter hatte, auch Ferrari war nicht durch Werkswagen vertreten. Der Kampf wurde zwischen der Streitmacht von Porsche und einer Armada privater Ferrari 512 entschieden. Es kam hier so, wie es in Le Mans immer kommt: nicht die Schnellsten, sondern die Zuverlässigsten siegen. Nach dem Ausfall der führenden Porsche von Rodriguez, Elford, Siffert und des Ferrari von Donohue war der Weg frei für die Nachwuchsequipe Dr. Marko (der in Österreich als zweiter Jochen Rindt betrachtet wird) und van Lennep auf einem Martini-Porsche.

Man wird sich freuen in Zuffenhausen, wie schon zu Beginn gesagt. Doch Rico Steinemann, einst Chefredakteur einer schweizerischen Automobilsportzeitschrift, heute seines Zeichens Rennleiter und "Halb-Manager" bei Porsche, wird mehr mit einem weinenden als mit einem lachenden Auge in die Zukunft sehen. Denn im nächsten Jahr tritt bekanntlich eine neue Formel in Kraft, die nur noch Hubräume bis 3 Liter zuläßt. Dies bedeutet, daß Ferrari und Alfa Romeo "fertige" Wagen haben, die ausreichend erprobt sind und über die nötigen PS verfügen. Porsche hingegen wird wahrscheinlich nach Beendigung der diesjährigen Meisterschaft (es sind noch drei Rennen zu fahren, die jedoch an den Positionen der Konkurrenten kaum noch etwas ändern werden und deshalb relativ uninteressant sind) Abschied vom Sport nehmen. Denn entgegen früheren anderslautenden Meldungen hat man in Zuffenhausen keinen neuen Motor entwickelt. Und den Typ 9C8/3, der mit einem Dreilitermotor ausgerüstet ist, wird man nächstes Jahr wohl kaum noch mit Hoffnung auf Erfolg einsetzen können..

Soll man eine Prognose für 1972 stellen, so hängen düstere Wolken über dem Sportwagen- und Prototypen-Himmel. Denn mit Feldern, die von Ferrari und Alfa beherrscht werden (die Matra dürften zu Statisten degradiert werden), hat es ganz den Anschein, als ob die Rennen zur Markenweltmeisterschaft immer mehr an Interesse einbüßen sollten. Schon heute nehmen die Zuschauerzahlen für diese Wettbewerbe rapide ab. Wenn kein Reglement geschaffen wird, das auch den Amerikanern und Briten sowie wieder Porsche die Möglichkeit bietet, mit konkurrenzfähigen Wagen an den Start zu gehen, wird bald der endgültige K. o. für die Markenweltmeisterschaft vor der Tür stehen.