„Theorie der feinen Leute – Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen“, von Thorstein Vehlen. Wieso unser Konsum, unsere Lebensgewohnheiten, unsere Kleidung an den Maßstäben einer müßigen Oberklasse orientiert sind, warum die Moden immer schneller wechseln und auf welche Weise die Selbstverstümmelung der Frau durch unbequeme Kleidung und nutzlosen Aufwand die Arbeitsunfähigkeit der Trägerin und damit die Zahlungspotenz des Haushaltsvorstandes bezeugt, das hat Vehlen in einer weitgespannten, amüsant zu lesenden Untersuchung begreiflich zu machen versucht. Erst die Passagen über das weibliche Korsett und den Luxus des glattrasierten Männerkinns erinnern daran, daß das Buch 1899 zum erstenmal erschienen ist. Thorstein Veblen, über den auch Karl Schiller geschrieben hat – im Kindler-Lexikon „Die Großen der Weltgeschichte“ –, wurde 1857 in Wisconsin geboren und interessierte sich früh für die demonstrative Verschwendung als sozialökonomisches Phänomen. Nützlicher als das Lächeln über gewisse Anachronismen und Thorsteins trockenen Humor ist das Erschrecken, wie lange wir in Europa gebraucht haben, bestimmte gesellschaftliche Rituale zu durchschauen, (dtv 762, Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 294 S., 5,80 DM) Martin Gregor-Dellin