Bis zum 11. Juli, Badischer Kunstverein: „Louis Corinth–Aus dem graphischen Werk“

Sinnliche Vitalität, in seiner Malerei gelegentlich zu koloristischer Kraftmalerei gesteigert, ist auch das Kennzeichen der druckgraphischen Arbeiten: Corinth ist ein Gourmand alles Gegenständlichen. Sein von spontanem Bemächtigungswillen geradezu vibrierender Strich überwältigt ohne spürbaren Widerstand das Sichtbare, zu dem dieser Augenmensch ein schlechthin erotisches Verhältnis hat. Fabulierfreude, Lust an der historischen Maskerade und Realitätsbeobachtung mischen sich in einem Oeuvre, das keine puritanischen Tabus kennt und keinen Respekt vor behüteten Traditionen: Zeus’ amouröse Abenteuer gestalten sich bei Corinth zu ganz menschlichen Geschlechtsflegeleien in notdürftig mythologischem Gewand und die heroischen Schlachten Friedrichs des Großen zu Zinnsoldatenspielen. Der ungehemmte Drang zum Illustrativen, zur Bildreportage, kurz: das Menzelhafte bei Corinth, ist ein heute nicht mehr allzu befremdliches Element. Passé ist dagegen die Fin-de-Siecle-Bilderwelt. Dafür fesseln die späten Landschaftsdarstellungen in weichen Tönen und die imponierende Suite der graphischen Selbstbildnisse. Vor allem letztere: Die Wandlung vom Schauspieler, der sich hinter allerlei Posen und Verkleidungen versteckt, zum unmittelbar Betroffenen, der endlich sich und der Wahrheit ins Auge schaut, ist ein Vorgang von tragischem Anhauch.

Helmut Schneider

Kiel

Bis zum 11. Juli, Schloß: „Sowjetische Graphik“

Die Ausstellung, die anläßlich der „Kieler Woche“ zusammengestellt wurde, bietet bessere Aspekte als all die anderen, zufälligen Vorstellungen zeitgenössischer sowjetischer Kunst, die es in den letzten Jahren im Westen zu sehen gab. Zwar ist sie (mit nur 257 Blättern) bescheiden im Umfang und im Anspruch, aber sie ist lebendig, wenig reglementiert, kaum uniform. Von Revolution, wenn man den Begriff nicht nur platt auf das Sujet bezieht, ist hier allerdings keine Rede. Die zeitgenössische sowjetische Kunst ist nicht nur, was man ihr nicht verargen sollte, von westlichen Stilen nicht einmal irritiert, auch ihre eigenen revolutionären Ansätze des Jahrhunderts sind versunken und verklungen. Das Rad der Geschichte, das nicht zurückgedreht werden kann, hier scheint es zurückgedreht. Da sieht man zum Beispiel Holzschnitt-Illustrationen von Faworskij (allerdings schon 1886 bis 1964) zu Puschkins „Kleinen Tragödien“, Zeugnisse einer entschwundenen, angeblich heilen Welt; man sieht Linolschnitte (von Boris Jermolajew, 1903 in Leningrad geboren), die mit ihrem folkloristischen Einschlag rührend an den Bilderbuchstil der Jahrhundertwende erinnern; man sieht Arbeiten (zum Beispiel von Alexandra Sacharowskaja, 1927 im irkutskischen Gebiet geboren), die einen minuziös-idyllischen Zug zeigen, wie ihn sonst nur naive, nicht professionelle Malerei aufweist. Wo zeitgenössische Themen angepackt werden, ist der Stil nicht zeitgemäßer, einen Avantgardismus gibt es nicht. Ein Linolschnitt im Zeitalter der Sputniks, Lunochods und Saljuts, der „Zu einer anderen Milchstraße“ heißt, ist mit der spröden Biederkeit der guten alten Zeit formuliert. Trotzdem zeigt die Ausstellung, daß die Kunst der Sowjetunion, diesseits und jenseits des Urals, lebendiger, vielfältiger und individualistischer ist, als es ihr Ruf bei uns wahrhaben will. Der nicht kleine Sektor abstrakten Stils freilich, den es in der sowjetischen Kunst gibt (zum Beispiel in Moskau vertreten durch Lew Nussberg und seine Gruppe „Dwishenije“, Bewegung), ist in Kiel nicht vorhanden. Wassilij Rakitin, der den Katalogtext schrieb, kennt sie sicherlich. Aber die „Kieler Woche“ weiß nichts von ihr.