Ganz plötzlich ist Franz Josef Strauß ins Gerede gekommen – als Kanzlerkandidat für 1973. Soll Straußens geflügeltes Wort von Ende 1968 nicht länger gelten: daß er lieber in Alaska Ananas züchten wolle als in Bonn Bundeskanzler werden?

Kurt-Georg Kiesinger, den Strauß 1966 ins Palais Schaumburg gehievt hat, fing mit den Andeutungen an, der Spitzenkandidat müsse nicht immer von der CDU, er könne auch von der CSU kommen. Richard Stücklen zog nach. Strauß selber hieb dann beim Wirtschaftstag der CDU in die gleiche Kerbe: Es sei durchaus denkbar, daß auch die CSU einmal zum Zuge komme; er werde sich zur Kandidatur zwar nicht drängen, sie aber übernehmen, wenn er dazu aufgefordert werde.

Ernst kann das alles nicht gemeint sein. Gegen Strauß spricht dreierlei. Erstens Er ist der Führer einer Minderheitspartei, deren größere Schwester, die CDU, ihren Kanzleranspruch schwerlich abtreten wird, solange sie selber einen halbwegs präsentablen Bewerber vorzeigen kann. Zweitens: Sein politischer Sex Appeal ist im wesentlichen auf jenen Teil der Bundesrepublik beschränkt, der südlich des Weißwurst-Äquators liegt. Drittens: Seine hohe Intelligenz, seine berserkerhafte Arbeitskraft und seine erwiesene Durchsetzungsfähigkeit stehen im Schatten eines ungestümen Temperaments; Mangel an Augenmaß und Selbstkontrolle macht ihn auch denen unheimlich, die seinen Verstand bestaunen. Der Mann der Westdeutschen, ihr „starker Mann“, wäre er höchstens in einer nationalen Existenzkrise: die Wahl der Verzweiflung.

Es spricht für Franz Josef Strauß, dem ja erhellende Einsichten ebensowenig zu bestreiten sind wie gewinnender Charme, daß er dies genau weiß und gelegentlich auch ungeschützt sagt. Um die Andeutungen der letzten Tage als das zu enthüllen, was sie sind, nämlich schlitzohrige Winkelzüge, mag es genügen, den Satz wiederzugeben, den er jüngst vor Parteifreunden sprach: „Ich hoffe, es geht dem deutschen Volk nie so schlecht, daß es glaubt, mich zum Bundeskanzler wählen zu müssen.“ Th. S.