Von Robert Lucas

Selbst den phlegmatischsten Engländer konnte nichts so sehr in Wut versetzen wie die Aufforderung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses, die Regierung möge unverzüglich Maßnahmen zur Einschränkung der Geburtenzahl treffen. 2,1 Kinder pro Familie – nicht mehr! Als ob Whitehall sich nicht schon genug ins Privatleben einmischte! Ausgerechnet 2,1 Kinder – und das bei der angeborenen Abneigung des Engländers gegen Dezimalstellen!

Hatte der Ausschuß es darauf abgesehen, die britische Volksseele zum Sieden zu bringen? Natürlich nicht. Seine Vorschläge sind als praktischer Beitrag zur Lösung eines Problems gedacht, das sich in den Statistiken in einer anderen Dezimalzahl ausdrückt: 2,5. Das ist heute die durchschnittliche Kinderzahl der englischen Familie. Gewiß kein übertriebener Kinderreichtum, nicht wahr; vor hundert Jahren wurde ein englischer Familienvater gar nicht für voll genommen, wenn er nicht von zumindest einem halben Dutzend Kindern umgeben war. Aber seit Königin Viktorias Tagen hat sich eben allerlei geändert; Großbritanniens Bevölkerungszahl ist von 27 Millionen im Jahr 1871 auf 56 Millionen angestiegen, und wenn man nicht verdammt aufpaßt, wird sie bis zum Ende des Jahrhunderts um weitere elf Millionen anwachsen. Und bei Berechnungen solcher Art ist bereits dem gottseligen Malthus das Lachen vergangen.

Nicht etwa, daß sich die Briten besonders eifrig vermehrten. Im Gegenteil, verglichen mit den meisten Ländern ist die derzeitige jährliche Bevölkerungszunahme um ein halbes Prozent herzlich gering. Aber Großbritannien ist bereits eines der dichtest bevölkerten Teile der Erde: in der Ländertabelle steht es an dritter Stelle, hinter Taiwan und Holland. Wenn man das schwach besiedelte Bergland Wales nicht einbezieht, tritt die Bodenarmut des Rests noch drastischer zutage. Den 13 Millionen Holländern stehen immerhin 2700 Quadratmeter Land pro Kopf der Bevölkerung zur Verfügung, aber den 17 Millionen Menschen in Südostengland nur 1600, und den sechseinhalb Millionen des nordwestenglischen Industriegebiets gar nur 1100 Quadratmeter „Lebensraum“ pro Einwohner.

Der Londoner Bankbeamte, der Ingenieur in Manchester braucht keine Statistiken zu studieren, um sich zu vergewissern, daß sein Land übervölkert ist. Jeder Sonntagsausflug zum Meer beweist es ihm: viele Kilometer lange Ausfahrt durch graue Industrieviertel, durch ein endloses Vorstadtlabyrinth mit schmucken Villen im Tudorstil, im Queen-Anne-Stil, im Bauhaus-Stil, alle in liebevoll gepflegte Gärten eingebettet, baugenossenschaftliche Siedlungen, gemeinnützige Siedlungen, Privatsiedlungen, Supermarkets, Tankstellen.

Und nachdem Mr. Smith oder Mr. Brown plus Familie den Tag wohl geölt, sardinenartig zwischen Zehntausenden anderen auf dem Badestrand von Brighton oder Blackpool verbracht hat und, in eine endlose Autokolonne eingezwängt, in qualvollem Schneckentempo heimwärts fährt – dann braucht man ihm nichts von der ungesund großen Bevölkerungsdichte Englands zu erzählen. Er weiß alles um dieneuen Ringstraßen, die den Stadtkern laokoonartig erwürgen, um die Vergiftung der Atmosphäre durch Abgase, Ruß und Staub, um den drohenden Wassermangel in seiner meerumspülten Heimat, er weiß, wie die Autobahnen die Landschaft auffressen, wie Flüsse zu Kloaken werden, er streut Modewörter wie environment und pollution freigiebig ins Gespräch ein. Denn auch er ist umweltbewußt geworden, er reagiert scharf, wenn irgendwo ein Haus aus dem 18. Jahrhundert abgerissen wird, um für eine Straßenumlegung oder ein Bürohaus Platz zu schaffen, er kämpft um jeden Quadratmeter Rasen, der seinem natürlichen Zweck entfremdet, um jede Baumgruppe, die abgeholzt werden soll.

Als eine andere parlamentarische Kommission nach langjährigen Beratungen empfahl, den geplanten dritten Großflughafen von London in der Nähe des verschlafenen old world- Dörfchens Cublington zu bauen, erhob sich ein solcher Entrüstungssturm, daß sich die Regierung für den Alternativvorschlag entschied: der airport wird, obwohl das einige Millionen Pfund mehr kostet, auf dem Dünen- und Sumpfland der Insel Foulness an der Themsemündung errichtet, wo höchstens die Seevögel leiden werden, aber nicht das kostbare Idyll des Tales von Aylesbury..