Der von der amerikanischen Regierung und von der „New York Times“ wegen der Veröffentlichung von Dokumenten über das Engagement der Vereinigten Staaten im Vietnam-Krieg angerufene Oberste Gerichtshof des Landes hat seine Entscheidung über die weitere Veröffentlichung der Dokumente in der „New York Times“ und der „Washington Post“ am vergangenen Montag vertagt. Das Gericht hielt weitere Beratungen für notwendig und verlängerte seine Sitzungsperiode, die normalerweise am Montag zu Ende gegangen wäre.

Professor Daniel Ellsberg, der nach eigenen Angaben die Dokumente an die Presse gegeben hat, stellte sich ebenfalls am Montag der Staatsanwaltschaft in Boston. Gegen Ellsberg, der Mitverfasser der Pentagon-Studie ist, lag ein Haftbefehl wegen illegalen Besitzes geheimer Papiere und unterlassener Rückgabe vor. Ellsberg begründete die Weitergabe der Dokumente an die „New York Times“ mit dem Argument, die Öffentlichkeit habe das Recht, über die Verwicklungen der USA in den Vietnam-Krieg informiert zu werden.

Nach der „New York Times“, der „Washington Post“ und dem „Boston Globe“ haben in der vergangenen Woche weitere amerikanische Zeitungen – zuletzt der renommierte „Christian Science Monitor“ – Auszüge aus den Dokumenten veröffentlicht.

Die Mehrheit der Amerikaner ist, wie sich aus einer Umfrage des Gallup-Instituts ergibt, gegen die Versuche der Regierung, die Veröffentlichung der Studie durch Zeitungen zu verhindern. Die gleiche Mehrheit äußerte allerdings auch die Ansicht, daß die Veröffentlichung der als streng geheim deklarierten Dokumente die Sicherheit der Vereinigten Staaten gefährde.

Für die Veröffentlichung wesentlicher Teile der Studie und nicht nur, wie von der Regierung geplant, genehmigter Auszüge, hat sich der ehemalige stellvertretende Außenminister George Ball ausgesprochen. Der frühere Außenminister Rusk teilte mit, er habe erst jetzt durch die Veröffentlichung Kenntnis von der Studie erhalten. Der Militärberater des ermordeten Präsidenten Kennedey, General Taylor, meinte zu den Dokumenten, sie spiegelten die mangelnde Leistungskraft des amerikanischen Geheimdienstes in Südostasien wider. Die Entscheidungen der amerikanischen Regierungen seien deshalb weitgehend ohne Kenntnis der tatsächlichen Lage gefällt worden. Taylor betonte, wie auch Rusk und Ball, er sei gegen eine Ausweitung des Engagements in Vietnam gewesen, sei aber überstimmt worden.