Im Urlaubsprospekt der deutschen Pflichtkrankenkassen ist alles bestens geregelt: „Im Bedarfsfall stellt die für Ihren Aufenthalt in Österreich zuständige Gebietskrankenkasse einen Krankenschein aus, der Sie zur Inanspruchnahme von kostenloser Behandlung durch einen Vertragsarzt berechtigt“, heißt es dort. Bundesdeutsche Urlauber, die sich auf diesen Passus berufen, müssen allerdings mit unangenehmen Überraschungen rechnen. In den österreichischen Bundesländern Tirol, Salzburg und Steiermark werfen die Vertragsärzte der Krankenkassen allenfalls einen uninteressierten Blick auf das Krankenschein-Formular – dann bitten sie zur Kasse. „Auch in den nächsten Monaten muß das Kranksein privat bezahlt werden“, sagt Fritz Daume, Präsident der österreichischen Ärztekammer. Eine löbliche Ausnahme von dieser rüden Praxis machen die Krankenhäuser in den drei Bundesländern: hier werden Krankenscheine nach wie vor akzeptiert.

Der Präsident weiß auch, warum Österreichs Ärzte nichts von deutschen Krankenscheinen halten. „Ski-Verletzungen“ – so Daume – „sind nun einmal aufwendiger als Darmstörungen oder Mückenstiche“. Und im Sommer? Die Jünger Äskulaps in den drei Bundesländern wollen sich ganz einfach das lukrative Geschäft mit der privaten Liquidation bei deutschen Touristen nicht entgehen lassen. Dabei verstoßen diese Ärzte eindeutig gegen den deutsch-österreichischen Sozialvertrag vom 1. November 1969, der die gegenseitige Anerkennung der jeweiligen nationalen Krankenversicherungen vorsieht.

Die deutschen Krankenkassen stehen einstweilen Gewehr bei Fuß. Sie sammeln die durch den Vertragsbruch der österreichischen Ärzte anfallenden Mehrkosten und wollen „zu gegebener Zeit“ ihre Forderungen bei der österreichischen Ärztekammer einklagen.

Verträge dieser Art bestehen außer mit Österreich noch mit den Niederlanden, Italien, Belgien, Luxemburg, Spanien, Jugoslawien, Griechenland und der Türkei. Wer diese Linder im Urlaub besucht, sollte sich vorher bei seiner zuständigen Pflichtkrankenkasse eine Mitgliedsbescheinigung besorgen. Im Krankheitsfalle kann sich der Urlauber bei einer Krankenkasse des Urlaubslandes (die Anschriften sind in einem Merkblatt enthalten, das die deutschen Kassen verteilen) einen Krankenschein für den ausländischen Arzt abholen. Im Notfall genügt auch die Mitgliedsbescheinigung. Dann besorgen sich die Ärzte den Krankenschein selber.

Wichtig ist allerdings: Im Ausland werden Krankenkosten nach dem jeweils in diesem Land geltenden Versicherungsrecht erstattet, das in vielen Fällen vom deutschen Recht abweicht. So müssen Urlauber, die beispielsweise in französische Krankenhäuser eingeliefert werden, damit rechnen, daß sie zehn Prozent der Krankenkosten selber zu bezahlen haben. Einzelheiten sind bei den heimischen Krankenkassen zu erfahren. Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, schließt für seine Ferien eine Zusatzversicherung ab. Viele Reiseunternehmen bieten solche Versicherungen an, oft sind sie bereits ohne besondere Verabredung im Pauschalpreis für die Reise enthalten.

Hin und wieder passiert es allerdings auch außerhalb Österreichs, daß die Ärzte bei deutschen Kunden privat liquidieren. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen raten, in all diesen Fällen möglichst genau spezifizierte Rechnungen mitzubringen und nach der Rückkehr aus dem Urlaub bei der Kasse einzureichen. „Aus Kulanzgründen“, so Abteilungsdirektor Jauch von der AOK Hamburg, „erstatten wir dann meistens diejenigen Kosten, die nach dem jeweiligen Versicherungsrecht sonst erstattet worden wären,“ Ein Rechtsanspruch auf diese Erstattung besteht allerdings nicht.

Auch Österreich-Urlauber sollen ihre Privat-Rechnungen bei ihrer jeweiligen Pflichtkrankenkasse einreichen. Ihnen wird das österreichische Pflicht-Honorar auf jeden Fall zurückerstattet. Die zum Teil erklecklichen Differenzbeträge zwischen Erstattungsbetrag und Rechnungsbetrag gehen freilich zu Lasten des Urlaubers. Wer dieses Risiko scheut und auch keine Zusatzversicherung abschließen will, sollte Tirol, Salzburg und die Steiermark meiden und in die österreichischen Bundesländer Kärnten, Vorarlberg, Ober- und Niederösterreich fahren. Dort werden deutsche Kassenpatienten mit Krankenschein von allen Ärzten widerspruchslos akzeptiert.

Dieter Stäcker