Am 22. Juni gab der französische Kulturminister Jacques Duhamel vor dem Senat und einen Tag darauf vor der Presse offiziell bekannt: Rolf Liebermann wird von 1973 an als „Administrateur general“ die Leitung der Reunion des Théâtres Lyriques Nationaux – der beiden Häuser Opera und Opera Comique – in Paris übernehmen; ihm zur Seite der Ungar Georg Solti als musikalischer Berater und Leiter des Orchestre de Paris.

L’Express nennt Jacques Duhamel den ersten Kulturminister, der sich wirklich für Musik interessiert und den Franzosen zur Rettung des Pariser Opernbetriebes „die brillanteste Mannschaft versprach, die man sich vorstellen kann“. Hat er diese Versprechungen eingelöst?

Im Figaro vom 19. Juni schreibt Bernard Gavoty: „Aus nationaler Sicht sind diese Nominierungen denjenigen eine unerfreuliche Überraschung, die darauf gehofft haben, Franzosen auf diesen Direktorenposten zu finden. Soll man wirklich glauben, daß sich unter 50 Millionen Einwohnern nicht ein einziger finden ließe, der ein solches Amt übernehmen könnte?“

Eine ähnliche Frage wurde dem Kulturminister während der Senatssitzung am 22. Juni von einem Senatsmitglied gestellt: „Ist diese Nominierung angebracht? Es besteht gar kein Zweifel darüber, daß Liebermann eine große Persönlichkeit ist. Aber war es wirklich unmöglich, einen Franzosen zu finden?“

In seiner Antwort trat Duhamel mit aller Vehemenz für das internationale Musiktheater ein: „Einer der erfolgreichsten Opernintendanten der Welt, Rolf Liebermann, wird unserer Oper wieder Rang und Namen geben. In der Kunst darf es keinen Nationalismus geben.“

Jacques Lonchampt schreibt in Le Monde vom 19. Juni: „Die Aussichten könnten nicht vielversprechender sein; diese drei Männer sind Gewinner, sie haben es verstanden, die ihnen anvertrauten Theater umzuwandeln ... Der Zustand der Opernkunst in Frankreich war so beschaffen, daß keine Persönlichkeit von Weltrang mehr vorhanden war, die imstande gewesen wäre, das Steuer der Opera in die Hand zu nehmen; diese neue Leitung bereitet eine neue ,französische‘ Zukunft vor.“

Aber auch Lonchampt hat Bedenken: „Ist die Oper nicht eine überholte Institution, wendet sie sich nicht ausschließlich an eine kleine traditionsbewußte oder snobistische Öffentlichkeit? Wird die neue Mannschaft ein Musiktheater aufbauen können, das gleichzeitig modern und volkstümlich ist?“

Ort verra! Christiane Günter