Vielleicht muß man Ausländer sein – und mit einigen Skrupeln beschwert, ob die Einmischung in einen so deutschen Hausstreit einem zusteht –, um die öffentliche Hinrichtung, die Günter Grass in der deutschen Presse von Links bis Liberal bereitet wird, etwas beängstigend zu finden.

Dabei will ich nicht an Tatsachen rütteln, die ich nur aus der Polemik, also verfinstert, kenne. Es soll eine redliche Verfinsterung sein; es soll als bewiesen gelten, daß Grass es im Fall Kipphardt zu grob gemacht hat, ja daß er zu seiner früheren Position als Anwalt der Pinscher gegen beißende Herren in einen peinlichen Widerspruch geraten ist. Grass als Entlassungshelfer – das ist keine schöne Entdeckung.

Aber wenn die Entdecker so tun, als wäre er nie etwas anderes gewesen, und ihn frohlockend abschreiben, dann ist das grober Unfug; dann wird sein Fall zu ihrem Fall. Denn eine Enttäuschung, die aus der Kollegialität käme – jener Kollegialität, deren Verletzung man Grass ankreidet –, spräche eine Spur weniger fix; sie möchte Grass lieber nicht so fertig haben, wie sie ihn heute macht.

Man spricht Grass in dieser besonderen Sache nicht frei, wenn man dazu feststellt, daß es heute in Deutschland auch eine linke „Unfähigkeit zu trauern“ gibt; man darf immerhin daran erinnern, daß es gerade diese drohende Unfähigkeit, dieser selbstmörderische Zwang zur linken Rechthaberei ist, dem Grass sonst mit allen vernünftigen Gegengründen – und jetzt auch einmal mit einem untauglichen Mittel – beizukommen suchte. Den meisten seiner Kritiker hat Grass immer noch die Verzweiflung über diesen Sachverhalt – oder sagen wir weniger pathetisch: einen totalen Mangel an Schadenfreude – voraus. Ich mag den Mut nicht loben, der heute dazu gehört, das Kind mit dem Bad auszuschütten: das überall delikate republikanische Bewußtsein mit dem Fehler eines Autors, der es sonst so viel mehr recht als schlecht repräsentierte.

Daß er es bis zu einem solchen Grad repräsentieren konnte und dabei „überlebensgroß“ erschien, dürfte man nicht ihm, man müßte es sich selber zuschreiben. Daß man es heimlich tut, verrät man durch die Art, wie jetzt gegen ihn polemisiert wird: Alles, was Nietzsche deutsche Selbstantipathie nannte und was in die produktive Giftküche postfaschistischer Schriftstellerei gehört, hat in Grass ein besonders lohnendes, weil selbstquälerisches Ziel gefunden. Man kann sich selber so viel zeigen, wenn man’s ihm zeigt.

Onkelmord in Ehren. Aber lohnt es sich, über soviel Demonstrationswut zu vergessen, was dieser Onkel für die deutsche Literatur (ich höre, mit Betonung: gewesen) ist, nämlich eine international akzeptierte Alternative zur braunen Gemütlichkeit. Kann man sich leisten zu vergessen, was er für die deutsche Politik noch sein kann? Ein Gewicht, das die Linke nur über Bord werfen kann, wenn sie in Deutschland niemals landen will; noch ist, fürchte ich, das feine explosive Gemisch, das sie in ihren Ballonen führt, etwas leichter als die deutsche Luft. Da ich an die Zukunft der deutschen Linken glauben möchte, möchte ich nicht glauben, daß sie sich selbst – gegen Grass – so grausam übel will.

„In jedem Bevollmächtigten und Repräsentanten sogleich den Herren zu spüren, dazu gehört eigentlich eine unfreie Hundsnatur“, schrieb Gottfried Keller 1852 und zielte damit als Republikaner auf eine unnötige Unfreiheit seiner eigenen Gesinnungsgenossen. Kannibalismus, auch literaturpolitischer, ist keine Alternative zum Götzendienst, sondern seine Fortsetzung mit anderen Mitteln und verewigt die Abhängigkeit: zuviel Ehre für Grass. Die hat er nicht verdient. Ich schreibe aus der Schweiz, einem Land, in dem das „Selbstverständliche“ des Günter Grass noch alles andere als selbstverständlich ist: daß ein Autor die kleine und häßliche politische Arbeit so ernst nimmt wie die vergleichsweise schöne des Schreibens. Ich bin der letzte, meinen Schweizer Kollegen und mir selber diese Verspätung nachzusehen und schmeichelhafte Ursachen für sie zu suchen. Ich erwähne sie nur darum, weil sie mich wohl vom Verdacht freispricht, hier als Praeceptor Germaniae aufzutreten. Wer in der Schweiz Radikaldemokrat ist, hat mit einer Art Neid zugesehen – einem Neid, der jedenfalls mit literarischer Konkurrenz nichts zu tun hatte –, wie sich in Deutschland Autoren wie Grass oder Herburger dafür eingesetzt haben, daß endlich und wenigstens Sozialdemokraten an die Regierung kamen. Wir bangten mit ihnen um jede Wählerstimme, die dort so viel teurer zu erkaufen war und an der soviel mehr geschichtliche Hypothek – und geschichtliche Hoffnung – hing als anderswo. Wir verstanden, daß diese Stimmen das persönliche und öffentliche Opfer eines Günter Grass wert waren; wenn dabei ein bißchen überschüssiger Lorbeer abfiel, so hatte er sich redlich dafür braten lassen. Grass kannte besser als wir das Gewicht dieser Stimmen, denn die Stunde, da sie zum Sieg der Vernunft gefehlt hatten, läutete ihm noch in den Ohren. Er wußte – und hatte es in seinen Romanen beschrieben –, wohin eine Welt ohne diese kleine Reserve republikanischer Unverrücktheit baden geht und wie bald sie verspielt ist.