Von Susanne Miller

Bonn ist nicht Weimar – dies muß als Warnsignal beachtet werden gegenüber allen Versuchungen, eine historische Thematik durch Analogieschlüsse und Verallgemeinerungen aktualisieren zu wellen. Allerdings ist es nicht immer leicht, ihnen zu widerstehen, wenn Grundstrukturen des Parteienwesens überdauern und politische Entscheidungssituationen in Deutschland sich wiederholen, wie es durch drei Neuerscheinungen eindringlich unddetailliert sichtbar gemacht wird:

Hans J. L. Adolph: „Otto Wels und die Politik der deutschen Sozialdemokratie 1894–1939“; Walter de Gruyter Verlag, Berlin 1970; 386 S., 46,– DM

Alfred Kastning: „Die deutsche Sozialdemokratie zwischen Koalition und Opposition 1919–1923“; Schöningh, Paderborn 1970; 195 S., 8,40 DM

Karl Dietrich Erdmann, Wolfgang Mommsen (Hrsg.): „Akten der Reichskanzlei der Weimarer Republik. Das Kabinett Müller II, 28. Juni 1928 bis 27. März 1930“; bearbeitet von Martin Vogt; Verlag H. Boldt, Boppard 1970; zwei Bände, 1682 S., 180,– DM

Wesensmerkmale der deutschen Sozialdemokratie finden wir personifiziert in Otto Wels – seine Biographie ist darum nicht nur als die Würdigung eines einflußreichen, Achtung gebietenden Politikers zu begrüßen, sondern auch als ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der größten sozialen Bewegung des ausgehenden Kaiserreichs und der ersten deutschen Republik. Wels gewann seine ersten politischen Erfahrungen als Funktionär der Tapezierergewerkschaft, dann als sozialdemokratischer Parteisekretär der Provinz Brandenburg; 1912 wurde er in den Reichstag, ein Jahr später in den Vorstand der Partei gewählt. Nachdem Ebert und Scheidemann die höchsten Regierungsämter der neuen Republik übernommen hatten, wurden Otto Wels und Hermann Müller ihre Nachfolger im Parteivorsitz. Wels behielt dieses Amt während der ganzen Weimarer Zeit und führte es auch in der Exilpartei fort, bis zu seinem Tod im Jahre 1939. Seinem Selbstverständnis nach war er in erster Linie ein Mann der Organisation: Otto Bauers Wort von der Partei als „Vaterhaus und Heimat“ gilt auch für ihn. Seine mutigen Worte bei der Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes am 23. März 1933 waren ein Bekenntnis zu den Werten, die er und Generationen von Sozialdemokraten mit dieser geistigen Heimat identifizierten.

Charakteristisch für den Parteimann Wels ist aber auch die Tatsache, daß er nur ein einzige Mal ein öffentliches Amt bekleidet hat: In den ersten Wochen nach Kriegsende war er Stadtkommandant von Berlin. Er scheiterte an einem Konflikt mit meuternden Matrosen und weigerte sich von da an strikt, ein Regierungsamt zu übernehmen. Zu erklären ist dies nicht nur mit dem Trauma beser persönlicher Erfahrungen; gewichtiger war seine Auffassung von der Funktion der Partei im Verhältnis zu einer von Sozialdemokraten geführten oder von ihnen mitgetragenen Regierung: „Wir sind eine durchaus selbständige Partei und von der Regierung als Partei nicht abhängig.“ Damit werde, so erscheint es im geschichtlichen Zusammenhang, nicht nur das selbstverständliche Recht der Kritik an der Regierung angemeldet, sondern der Anspruch auf den Primat der Partei erhoben. Mindestens im Bewußtsein der Mitgliedschaft wurde dieser Anspruch während der ganzen Weimarer Zeit durchgehalten, er sollte schließlich faktisch das Schicksal des zweiten Kabinetts Müller (1928 bis 1930) besiegeln, der letzten auf parlamentarisch-demokratischer Grundlage amtierenden Reichsregierung.