Im Fußgängertunnel, der vor der Hamburger Kunsthalle mündet, lag eine Strumpfhose. Oberirdisch war zum ersten Male seit langer Zeit gutes Wetter. Die Sonne schien. Im Tunnel war es düster. Deshalb beugte sich der Herr, der vor mir den Gang betreten hatte und plötzlich stehenblieb, ein wenig vor. Seine Haltung drückte Erstaunen aus. Jetzt faßte er seinen Regenschirm etwas unterhalb des Griffes und richtete die Spitze auf die Strumpfhose. Er lüpfte sie; ja er wendete sie hin und her.

Es war eine hellbraune, sogar fleischfarbene Strumpfhose. Ich blieb stehen und sah dem Herrn zu, der die Strumpfhose mit dem Regenschirm untersuchte. Er wendete sie sorgfältig und geschickt um. Es schien nicht die erste Strumpfhose zu sein, die er untersuchte. Sie war nicht kaputt und nicht schmutzig.

Als ich sagte: „Na?“, erwiderte er mit der Frage: „Wie bitte?“

Ich drückte mein Erstaunen darüber aus, was Großstädter alles verlieren. Detektorapparate, Flugscheine, Feldstecher, Triangeln, Staubsaugermundstücke. „Es ist unglaublich“, sagte ich, „was Leute alles liegenlassen.“

„Die Strumpfhose“, antwortete der Herr, „ist nicht liegengelassen worden: sie ist neu. Sie ist sorgfältig ausgezogen worden: sie ist sauber. Gestern abend lag sie noch nicht da. Es hat die ganze Nacht, geregnet. Sonst läge die Strumpfhose vielleicht oben hinter der Reiterstatue oder am Alsterufer im Gebüsch. Jetzt liegt sie hier. Es hat wohl so sein müssen.“

Und gefaßt hängte er den Griff des Regenschirms an seinen Unterarm und schritt aufrecht die Treppe empor. Dem Lichte entgegen.