Von Telford Taylor

Handeln wir in Vietnam tatsächlich als Weltpolizist, der den in Nürnberg festgesetzten Prinzipien und der Charta der Vereinten Nationen folgend „eine Aggression präventiv vereitelt oder zurückweist“? Oder erweitern wir in Vietnam lediglich den Einflußbereich amerikanischer Machtinteressen?

Ist das bestimmende Motiv unserer Politik die Erhaltung der amerikanischen Position in Südostasien, so ist die Frage nach dem Aggressor im Vietnamkonflikt für uns lediglich von zweitrangiger Bedeutung; denn in jedem Falle wären die Vereinigten Staaten der Verlierer bei einem nordvietnamesischen Sieg. Notwendigerweise würden wir mit dieser Auffassung auf Rechtsbegriffe des 19. Jahrhunderts zurückfallen, mit denen Francis Lieber, ein deutscher Veteran der napoleonischen Kriege und Rechtsprofessor an der Columbia University, noch Krieg als „anerkanntes Mittel zur Erreichung großer staatsmännischer Ziele“ definieren konnte. Aber vielleicht ist dies immer noch unsere internationale Moral.

Die Invasion in der Schweinebucht war eine erfolglose und kaum als defensiv zu bezeichnende Operation, es war unser Gegenstück zum britisch-französischen Fiasko in Suez. Die Vermutung liegt nahe, daß in beiden Fällen das Schuldgefühl der Angreifer der Grund des Mißerfolges war, da es uns davon abhielt, hart genug zuzuschlagen, um sofort vollendete Tatsachen zu schaffen. Auch einige unserer militärischen Unternehmungen, besonders in der westlichen Hemisphäre, sind keinesfalls lupenrein gewesen, mißt man sie an den in Nürnberg geschaffenen Grundsätzen.

Nichtsdestoweniger weist die Tradition amerikanischer Interventionen einen starken Hang zur idealisierten Legitimation auf. So rechtfertigte im Jahre 1898 Präsident McKinley den Krieg gegen Spanien mit folgender Begründung: „Im Dienst der Menschlichkeit und zur Beendigung der Barbarei, des Blutvergießens, der Hungersnot und der furchtbaren Mißstände im derzeitigen Kuba.“ In der Folgezeit protestierten die Vereinigten Staaten zusammen mit anderen Regierungen gegen die Pogrome in Rumänien und Rußland, besonders gegen die von Kischinew, und verurteilten die Massaker in der Türkei, denen 1915 der armenische Bevölkerungsteil zum Opfer fiel.

Die Vorstellung, daß die Behandlung von Bürgern einer Nation durch ihre eigene Regierung so grundsätzlich den Normen der Zivilisation widerspricht, daß sie den Tatbestand eines völkerrechtlichen Verbrechens erfüllt, war in der Tat einer der Anstöße für die Aufnahme des Begriffs „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ – in die Londoner Charta und die Völkermordkonvention. Und aus eben dieser Geisteshaltung heraus sicherte Präsident Eisenhower im Jahre 1954 der südvietnamesischen Regierung Hilfe zu mit dem Versprechen an Präsident Ngo Dinh Diem, daß es unsere feste Absicht sei, „jeden zurückzuschlagen, der versucht, Ihrem freien Volk eine fremde Ideologie aufzuzwingen“. Tatsächlich war das südvietnamesische Volk sicher nicht so frei, wie der Präsident glaubte; jedoch war die Haltung, auf Grund derer die amerikanische Regierung in Vietnam eingriff, „grundsätzlich moralischer Art“, wie Arthur Schlesinger es formulierte.

Der pervertierte Krieg