ARD, Montag, 28. Juni: „Babylon“ – Ein musikalisches Spektakel von George Moorse und Joyce Burke

Der Neger, der vom Weißen noch am ehesten erwarten kann, hingenommen und sogar geachtet zu werden, ist der spielende, singende, tanzende Neger. Zwar hat der wirklich hartgesottene Rassist auch für ihn nur ein verächtliches „Urwaldmusik“ übrig, aber all die vielen biaven Leute, die einen Neger gar nicht gern als Nachbarn oder Untermieter hätten – als Tänzer und Sänger lassen sie sich ihn gern gefallen, „Porgy and Bess“ mögen sie wirklich. Vielleicht deshalb, weil ihnen ein singender und tanzenden Neger deutlich zu machen scheint, daß er ihnen ihre Verachtung nicht nachträgt und vergilt.

In seiner Dreiviertelstundensendung hat der amerikanisch-deutsche Filmregisseur George Moorse („Inside Out“, „Kuckucksjahre“, „Lenz“) für den Bayerischen Rundfunk eben diese herabgesetzte Ressentimentschwelle genutzt und antirassistisch unterlaufen. Zu Musik (unter anderen von Bob Dylan, John Lennon, Miles Davis) agieren die zumeist farbigen Darsteller des New Yorker LaMaMa-Ensembles in acht pantomimischen Szenen, die in eingängiger, hier und da vielleicht doch zu offensichtlicher Symbolik die Situation des schwarzen Mannes verdeutlichen (zu offensichtlich deshalb, weil ein Symbol wie „Handschelle“ für Fesselung, einmal durchschaut, und das ist es auf der Stelle, dem Mitdenken nicht den geringsten Widerstand mehr zumutet): Der Neger, der seiner Frau nicht mehr in die Augen sehen kann und sie zurückstößt (als Schrift-Insert darauf ein erklärendes Cleaver-Zitat), die schwarze Tänzerin mit blonder Perücke und „weißem“ Nachtklubputzkram, die im Tanz mit einem „schwarzen“ Schwarzen die weißen Accessoires ablegt und ihre natürlichere eigene Schönheit findet („Schönheit komm; mit der Freiheit“), der Neger, dem ein weißer und ein schwarzer Polizistentyp zusetzen, indem sie ihm eine verzerrte Photographie seiner selbst verhalten, den sie provozieren, dem sie mit der Maschinenpistole vorm Gesicht herumfuchteln und den sie, als er sich langsam zu wehren beginnt, endlich zusammenschlagen dürfen, als wäre er der Wilde und Provokateur ... Damit sich das nicht sicher im fernen Amerika abspielt und in seiner Ferne vom deutschen Fernsehteilnehmer beiseite geschoben werden kann, berichten in über Schwarzweißmonitore ins Farbbild gesetzten Interviews zwei in Deutschland stationierte amerikanische Negersoldaten, wie sie von den Deutschen geschnitten, übersehen und vielfach diskriminiert werden. Aber, wie gesagt: Musik und Spiel; an einer Stelle unterbricht sie ein eingeblendetes rotes Schriftinsert „Stop that music!“, und die LaMaMa-Darsteller weigern sich, ihre netten Rollen weiterzuspielen – sie wären nicht wie in „Porgy and Bess“, das sei kein Harlemer Karneval in ihrem Babylon. So läßt sie Moorse die tolerierte Rolle spielen (eine, die ihnen auch nicht aufgezwungen ist), bricht diese aber auf und konfrontiert den Zuschauer unversehens mit jenem Neger, der nicht nur spielend und singend eine Nippesfigur des Weißen ist.

Es war dies nicht die einzige List dieser höchst ungewöhnlichen Sendung. Pantomime, Musik, Interwiew, Zitat-Inserts, antirassistische Absichten – das alles klingt so schrecklich löblich und langweilig.

Moorse aber hat für seine Sendung die elektronischen Regie-Mittel, die heute entdeckt werden und mit denen das Fernsehen endlich zu sich selbst findet, vor allem die Farbstanze, die es erlaubt, Szenen mit nahezu beliebig verfremdeten und veränderlichen Hintergründen einschließlich reinen Graphiken zu vielschichtigen unnaturalistischen Bildern aufzubauen, zu bewegten elektronischen graphischen Kollagen, wie kaum ein Regisseur vor ihm genutzt. (Daß er und sein Kameramann Vandenberg zuweilen zu einer dekorativ-schicken Süßlichkeit – Stichwort „Ästhetisierung“ – neigen, ist nicht neu; aber bei den überreichen optischen Entdeckungen einer solchen Pioniersendung sollte man nicht kleinlich sein.) So hat er, jedenfalls für Besitzer eines Farbfernsehgeräts, das unmöglich Scheinende realisiert: Er hat eine richtige Unterhaltungsshow gemacht, ausschweifend schön und dabei ohne großen äußerlichen Aufwand, denn die üppigen Bilder werden am Trickmischpult erzeugt, leicht und gewichtig, U und E, Oberfläche mit Tiefenappell. Genau das also, was Fernsehleute, die ihre biedere und ressentimentgeladene Unterhaltungskost satt haben, seit langem suchen. Dieter E. Zimmer