Bauarbeiter haben ein für den kommunistischen Teil Europas höchst paradoxes Projekt in Angriff genommen: den Wiederaufbau eines königlichen Schlosses – jenes in Warschau.

Den meisten Polen und auch der Regierung fällt es nicht schwer, dieses Symbol der polnischen Monarchie mit dem kommunistischen Polen in Einklang zu bringen. Dennoch werden Stimmen laut, die Zweifel anmelden, ob das Unternehmen ökonomisch sinnvoll sei. Immerhin wird die mühevolle.Wiedererrichtung des fünfhundert Jahre alten Palastes, der 1939 von den Deutschen bombardiert und 1944 nach dem Warschauer Aufstand von der SS gesprengt worden war, schätzungsweise siebzig Millionen Mark kosten. Dieses Geld, so meinen viele, ließe sich nutzbringender verwenden, etwa für einige tausend Neubauwohnungen. Der Bedarf ist groß, und junge Eheleute müssen schon das große Los in der staatlichen Lotterie gewinnen oder außergewöhnlich gute Beziehungen haben, um an eine Wohnung zu kommen.

Der nationalbewußte Pole jedoch sieht in der Rekonstruktion des königlichen Schlosses ein Wahrzeichen für den entbehrungsreichen Freiheitskampf seines Landes. In Ostberlin haben die Kommunisten das Schloß abgerissen; in Warschau haben sie schon seit langem versprochen, das königliche Palais wieder aufzubauen, und jetzt fangen sie damit an.

Die Entscheidung fiel vor fünf Monaten, ausgerechnet im kritischsten Augenblick der polnischen Nachkriegsgeschichte. Die Arbeiter hatten sich gerade gegen Gomulkas Parteiführung aufgelehnt. Sein Nachfolger Gierek erkannte rasch, daß der Wiederaufbau des Schlosses der Einheit Polens so förderlich sein könnte, wie vor Jahren die Wiederherstellung der Altstadt von Warschau. Er berief ein Bürgerkomitee, das das Projekt überwachen sollte. Die katholische Kirche delegierte sogar einen Bischof, der neben Armeegenerälen und Funktionären an den Beratungen teilnimmt. Zu Tausenden haben sich die Polen als unbezahlte Arbeiter zur Verfügung gestellt. Das ganze Land beteiligt sich an einer Spendenaktion. Polnische Heimatverbände in Nordamerika und Westeuropa überweisen Geldbeträge genau wie damals, als nach dem Krieg für die Altstadt gesammelt wurde.

Das Schloß soll dereinst ebenso aussehen wie vor seiner Zerstörung. Legionen von Steinmetzen, Holzschnitzern, Konstruktionszeichnern und Architekten haben sich über alte Zeichnungen und Photographien des grau-creme-farbenen Schlosses hergemacht, dessen Renaissance-, Rokoko- und polnisch-klassizistische Fassaden in drei Jahren fertiggestellt sein sollen. Viele dieser Männer sind schon beim Wiederaufbau der mittelalterlichen und Renaissancezentren von Danzig, Stettin und Breslau dabeigewesen.

Die Inneneinrichtung des königlichen Palais, vor allem die wertvollen Kunstschätze und der Thron, sind 1939 zum größten Teil aus dem brennenden Gebäude gerettet worden. Mit missionarischem Eifer hat man im Nachkriegsdeutschland Kunstwerke aufgespürt, die den Nazis in die Hände gefallen waren.

Die enorme Aufgabe, die Innenräume der fünf Schloßflügel originalgetreu zu rekonstruieren, wird nicht vor 1980 bewältigt sein. Doch heute schon erhitzen sich die Gemüter bei der Diskussion über den Verwendungszweck des Prachtbaus. Das staatliche Reisebüro plädiert dafür, das Gebäude als Hotel für devisenstarke westliche Touristen einzurichten. Dieser Vorschlag trifft aber in der Bevölkerung auf wenig Gegenliebe. Größere Chancen hat der Plan, daraus ein Museum für polnische Geschichte zu machen, nach dem Vorbild des Krakauer Schlosses, in dem die polnischen Könige residierten, ehe sie im 17. Jahrhundert nach Warschau übersiedelten.