/ Von Kai Krüger

Je näher der Strand von Kampen rückt, desto höher notierte Deutschlands beliebtestes Bademöbel am schwarzen Markt der Sylter Strandkorbwächter. Ein Korb in Prominentennähe ist dem statusbewußten Urlaubsgast schon ein Fünfzig-Mark-Schein extra wert, vor allem in der Hochsaison, wenn Körbe nicht nur in Kampen, sondern an allen deutschen Küsten Mangelware sind. Wer nicht die Ochsentour über Voranmeldung oder Wartelisten gehen will, um sein Strandleben vom Eigenheim aus abwickeln zu können, kommt um einen Zehner oder Zwanziger nicht herum, den er dem Wächter unauffällig in die Tasche schiebt. Der braucht solche Spritzen, um sich zu erinnern, wo noch ein leerer Korb an seinem Strande steht, und er braucht sie vor allem, um sein Gehalt aufzubessern.

Denn das dicke Korbgeschäft macht nicht der Mann mit der Mütze am Strand. Das Geschäft liegt längst in den festen Händen von Lizenzträgern, die „nicht Bauer und nicht Fischer“ sind, sondern „gelernter Kaufmann“, wie Edgar Fricke, 48, Deutschlands größter privater Korbvermieter, der in Hörnum am Südzipfel Sylts residiert. Oder in den Händen der Kurdirektoren, wie Peter Enkhardt, 50, der in Westerland für die Ferienherrlichkeit sorgt und der größte Strandkorbkäufer im ganzen Lande ist.

Der Strandkorb gehört zum deutschen Badeleben wie das Wasser in der Wanne. Er schützt gegen Sonne, Kälte, Wind und Wetter, und auch gegen neugierig taxierende Rundumblicke. Der Korb präsentiert, wenn der Gast es will, nur dessen beste Seite, auch sozial besehen.

Alljährlich werden von deutschen Korbverleihern sieben- bis achttausend Strandkörbe im Werte von fast fünf Millionen Mark gekauft. Dieser Auftragssegen verteilt sich auf nur sechs Fabriken, die in Westerland, Mölln, Flensburg, Timmendorfer Strand, Heiligenhafen und Cuxhaven ihre Körbe flechten. Ihre Kunden sind rund 250 private Strandkorbvermieter und, an der Nordsee, auch etliche Kurdirektoren. Der größte staatliche Besteller, Westerland, steckt zur Zeit jährlich mehr als eine viertel Million Mark in neue Körbe. Mit einem Bestand von viertausend Körben hält Westerland den Rekord nicht nur auf der „Insel“, sondern an allen Küsten der Welt. Denn Strandkörbe gibt es außer in Deutschland nur noch vereinzelt in einigen wenigen holländischen Bädern.

Die goldene Idee, die deutschen Bürger zum Bräunen in Körbe zu packen, stammt bereits aus dem vorigen Jahrhundert. In den neunziger Jahren stellte der Rostocker Johann Falck die ersten Bürgerkörbe in den Sand von Warnemünde. Der Test verlief positiv. Daraufhin richtete Falck in Rostock eine Fabrik ein, erwarb Patente nicht nur auf den Korb, sondern auch auf seine einzelnen Konstruktionsmerkmale. Sie waren gut genug, zwei Weltkriege, eine soziale und mehrere industrielle Revolutionen ungeschoren zu überdauern. Auch fabrikationstechnischen Innovationsprozessen widerstand Falcks Korbgeburt in erstaunlichem Maße. Als Edgar Fricke 1949 seinen Korbverleih eröffnete, tat er dies mit Kopien des Falckschen Modells. Erst die Westerländer Korbfabrik entrang diesem Typ einige fabrikationstechnische Erleichterungen, die den Kurgast nicht verstörten.