Von Karl Maute

Der Polarkreis ist eine feine schwarze Linie, die einer mit spitzem Stift über die Skandinavien-Karte geschwungen hat; sie hängt ein bißchen nach unten durch. Und am Kartenrand steht 66° 33’.

Für Touristen ist der Polarkreis eine fast magische Linie, hinter der Exotisches vorkommt: Lappen und die Mitternachtssonne. Eine Linie, die – ein bißchen gewalttätig, kitschig– sichtbar gemacht worden ist: An den Straßen, die in dieser Höhe nicht mehr asphaltiert sind, stehen Mark- und Gedenksteine, hängen an Galgen aus Birke Tafeln wie alte Wirtshausschilder: Polarsirkelen.

Das ist Norwegisch. Norwegen hat im Fremdenverkehr höhere Zahlen als die anderen Anteilseigner am Mitternachtssonnenland. Norwegen ist ein bißchen billiger, aber nicht schöner, ist ausgedehnter, aber nicht sonniger; für die höheren Zahlen gibt es keinen vernünftigen Grund, aber eine Erklärung: den Punkt 71° 10’ 21” nördlicher Breite. Das Ende Europas (auf einer Insel übrigens). Der ödeste Punkt Europas. Das Nordkap.

Ende Europas – das läßt Entfernungen ahnen. Und Schwierigkeiten beim Reisen. Von Oslo zum Nordkap sind es 2200 Straßenkilometer; oder von Hamburg: über 3000 Kilometer. Nordlandfahrer sind unstete Reisende. Die Distanzen und die eigenen Wünsche und der viel zu kurze Urlaub (drei Wochen? ein Klacks) lassen dem Autofahrer für ein Hotelbett unterwegs immer nur eine Nacht, für ein Lappenlager am Weg eine Viertelstunde (Blende 8, 1/125 sec) und zum Träumen überhaupt keine Zeit. Sie sitzen müde überm Abendessen, die Straßenkarte neben dem Teller, sie radebrechen mit Wildfremden in vielen Sprachen und tauschen eigene Erfahrungen auf den letzten 250 Kilometern gegen fremde Erkenntnisse auf den nächsten 300. Für die Strecke Oslo – Nordkap – Oslo müssen sie wenigstens zwanzig Tage ansetzen.

Elf Tage bloß dauert die 40-Häfen-Seereise Bergen – Kirkenes – Bergen, Nordkap inklusive, mit den Postschiffen der „Hurtig“-Route. Die Passagiere haben stundenweise Auslauf in Siedlungen aus ochsenblutrot, himmelblau, und waschweiß gemalten Holzhäusern, deren Namen – Finnsnes, Skjaervöy, Berlevag – hierzulande keiner kennt. Dörfer mit Fischgeschmack, Häfen für Kutter, Polizeiwachen ohne Anzeige. Aber dieser Seetörn nach Kirkenes, mit dem keine Nordland-Kreuzfahrt sich messen kann, ist ein Jahr im voraus ausgebucht, zumindest die Rundfahrt, die 2100 Norwegische Kronen (1076 Mark) kostet. Platz gibt es – jeden Tag geht ein Schiff – am ehesten für die einfache Fahrt, in Kirkenes muß man dann umsteigen auf die „Nord Norge Bussen“, die in vier Tagesetappen über Lakselv, Sørkjosen und Narvik nach Fauske für 287 Kronen (147 Mark) fahren; Fauske – Oslo, eine 1300-Kilometer-Nachtfahrt mit der Bahn kostet 197 Kronen (120 Mark).

Oder mit dem Flugzeug: von Kirkenes in sechs Stunden „über die Dörfer“ Lakselv, Alta, Tromsö, Bodo nach Oslo für 575 Kronen (470 auf dem Nachtflug). Fliegen ist im Nordland Transport ohne den Hauch von Exklusivität, eine Selbstverständlichkeit (beinahe); häufige Verbindungen und relativ niedrige Preise sind Notwendigkeiten in dieser Weite – ohne Rücksicht auf Rentabilität. Wieder: der Zwang der Distanzen.