Das Fernstudium droht zu einer bildungspolitischen Blamage zu werden

Von Werner Becker

Vor kurzem berieten die Ministerpräsidenten der Länder wieder einmal über das Fernstudium im Medienverbund, konnten sich aber nicht einigen. Über die Vorlage sollen nun wieder die Chefs der Staatskanzleien beraten. Werner Becker, bisher Referent der Westdeutschen Rektorenkonferenz für das Fernstudium, untersucht die politischen Hintergründe des seit Jahren ohne Erfolg andauernden Gerangels.

Als im Wahlkampf 1969 Ulrich Lohmar für die SPD und Berthold Martin für die CDU die bildungspolitischen Programme ihrer Parteien darlegten, waren sich beide Politiker in einem Punkt einig: Im Fernsehen sahen sie die große Wunderwaffe, um des Andrangs an die Hochschulen Herr zu werden. Nach ihren Plänen sollte das gesamte Grundstudium in den Massenfächern über den Bildschirm laufen, so daß die Studienanfänger bis einschließlich viertes Semester die Universitäten gar nicht erst zu betreten brauchten. Mit diesem Vorschlag hofften sie, dem „Bürgerrecht auf Bildung“ und dem Inhalt der öffentlichen Portemonnaies zugleich Rechnung zu tragen.

Für das ferne Jahr 1980 leuchtete damals die geschätzte, erhoffte, gefürchtete Zahl von 600 000 Studenten auf: Heute ist schon von 800 000, von einer Million Studenten die Rede – kein Wunder also, daß die Bildungspolitiker unentwegt an Maschinen basteln, die die helfenden, rettenden, Katastrophen verhindernden Götter rechtzeitig auf die Bühne des Bildungstheaters (Großes Haus: tertiärer Bereich) schleudern sollen.

Der Beginn war vergleichsweise idyllisch. Im Kultusministerium von Rheinland-Pfalz träumte man vom strebsamen jungen Mann in Manderscheid/Eifel, der vom Postboten und vom Bildschirm seine Studienunterlagen bezieht; der keinen Platz im Studentenwohnheim und keine Ausbildungsförderung beansprucht; der studiert, was dem Staat nützt und was den Lehrermangel beheben hilft: Naturwissenschaften, und nachher am besten gleich am Ort bleibt, um zu unterrichten: Landesentwicklungsplan; der seine unumgänglichen Experimente in den Labors benachbarter Schulen oder auch in fahrbaren Laboratorien macht; der dem Staat erspart, den Lehrkörper der Hochschulen, der dann auch gleich „Forschung“ für sich verlangt, zu erweitern.

Redakteure in den Rundfunkanstalten andererseits waren stolz auf die technischen und didaktischen Möglichkeiten der Medien, mit denen sie arbeiten gelernt hatten, sahen früh die Chancen, die hier für jedwede – methodisch erneuerte – Lehre lagen. Sie hatten Erfahrungen mit dem Schulfunk, in Bayern mit dem Telekolleg. In den Hochschulen stießen sie auf Unverständnis, bei den Geisteswissenschaftlern auf unverhohlenes Mißtrauen. Ein bißchen fühlten sie sich wie Reformmissionare, die es den verkalkten Universitäten zeigen wollten.