David Binder in der New York Times

Aus ostdeutschen Quellen ist zu erfahren, daß die Chronik von Ulbrichts „Abweichungen“ fünf Jahre zurückreicht. Damals lancierte er seine eigenständige Politik gegenüber der Bundesrepublik, indem er die Führung der westdeutschen SPD-Opposition zu einem Dialog (Redneraustausch) einlud. Ein DDR-Informant meinte dazu: „Diese Politik versagte, und auch Ulbrichts Versuch, sie durch die Begegnungen zwischen Bundeskanzler Brandt und Ministerpräsident Stoph zu erneuern, erwies sich als totaler Mißerfolg.“ Am 15. Juli 1970 unternahm Ulbricht in seiner Rostocker Rede noch einmal einen Anlauf, als er von „einer neuen Lage“ in den Beziehungen zur Bundesrepublik sprach. Niemand war zuvor über diesen Schritt informiert worden. Zwei Tage lang zögerten die Presseorgane der DDR, diese Rede abzudrucken. Ulbrichts Kollegen in der DDR-Führung – darunter auch Erich Honecker – zeigten sich über diesen Alleingang verärgert und versuchten den SED-Chef zu stürzen. Das mißlang aber, weil die Sowjets dagegen waren. „Ulbricht überlebte und reagierte sehr bitter“, berichtete ein ostdeutscher Beobachter.