Bildbände über Tiere haben oft die fatale Neigung, das Tier zum Gegenstand sentimentaler oder anthropomorpher Augenweide zu verfälschen; die alljährlich in Masse erscheinenden Katzen- und Hundekalender sind das ärgste Beispiel solchen optischen Mißbrauchs.

Der von Helga Menzel-Tettenborn und Günter Radtke im Bertelsmann Lexikon-Verlag herausgegebene Band „Wunderbare und geheimnisvolle Welt der Tiere“ (400 S., 600 Photos, davon 370 farbig, 59,80 Mark) sucht dem entgegenzuwirken. Er ist gegliedert nach den Lebensbereichen der Tiere (vierzehn Kapitel, von „Steppe, Savanne, Prärie“ bis „Hochsee, Weltmeere, ewiges Eis“) und bringt knappe, informationsreiche Charakteristiken zu einem Bilderteil von großer Variationsbreite und vortrefflicher Reproduktionsqualität.

Ein internationales Photographen-Auf gebot hat die Bilder aufgenommen, darunter viele geradezu frappierende Momentaufnahmen, die Glücksfälle gewesen sein mögen. Nicht immer sind die Herausgeber unzulässiger Vermenschlichung entgangen: Überschriften wie „Stachelritter mit Gemüt“ oder „Zimmerleute des Waldes“ sind entbehrlich, und auf die Vokabel „heimtückisch“ sollte man beim Hai endlich verzichten. Aber solche Ausrutscher sind selten und mindern nicht den Wert dieses preiswerten Bandes, der es verdiente, den Rang eines „Hausbuchs“ zu bekommen. Seine sachliche Optik und sein Informationswert empfehlen ihn auch für Kinder, denen hier ein vernünftiges Korrektiv ihrer bisweilen allzu possierlichen Tierbücher geboten wird.

Eckart Kleßmann