Zu Beginn der Evolution, noch bevor sich in ersten Lebensformen primitive Augen entwickelt hatten, erfüllte das gesamte Zellgewebe eines Organismus die Funktion eines Sehorgans: Es reagierte auf das Licht des Tages mit Unruhe und Bewegung, auf das Dunkel der Nacht mit Passivität und Stillstand. In den Tropen, wo Tag und Nacht ungefähr gleich lange dauern, bedeutete dies, daß ein Organismus etwa 12 Stunden „wach“ war und 12 Stunden in Ruhe. Für Jahrmillionen wiederholte sich der tägliche Zyklus von Bewegung und Stillstand, bis er sich schließlich in die Zellstruktur unauslöschlich einprägte.

Von Generation zu Generation wurde diese „biologische Uhr“ dann weitervererbt, so auch an Tiere, die später von den Tropen in nördliche Zonen mit kurzen Tagen und langen Nächten wanderten. Dort kam es zwar zu einer gewissen Umstellung auf den neuen Tagesrhythmus, doch wäre die alte, eingebaute 12-Stunden-Uhr sofort wieder in Aktion getreten, hätte man die Tiere in ständiger Dunkelheit oder unter dauernder Beleuchtung gehalten.

Diese Entstehungsgeschichte der heute bei verschiedenen Tieren feststellbaren „biologischen Uhr“ hätte bis vor kurzem noch als ziemlich spekulativ bezeichnet werden können. Zwar wußten Biologen und Psychologen seit Jahren von einem in 12-Stunden-Intervallen ablaufenden Tag etwa bei Totenkopfäffchen, Hamstern und Wüstenratten, jedoch konnten sie sich nicht darüber einigen, ob sie von einer erlernten oder angeborenen Fähigkeit sprechen sollten.

Ein Forscher des Psychobiologischen Laboratoriums der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland) fand nun kürzlich. einen entscheidenden Hinweis für den angeborenen Charakter der 12-Stunden-Periodizität. Professor Curt P. Richter wies bei der Norwegischen Ratte nach, daß sie ihren Tagesrhythmus von ihren Vorfahren ererbt hat (Journal of Comparative and Physiological Psychology, Nr. 1, 1971).

Richter gelang es vor allem, das Argument aus der Welt zu schaffen, Ratten könnten den 12-Stunden-Zyklus etwa in ihrer Jugendzeit über irgendwelche, damals empfangene Lichteindrücke erlernt haben. Dies erreichte er durch Beobachtung blind geborener Ratten, deren Vorfahren schon seit Generationen keine Sehnerven mehr besessen hatten, und normaler Ratten, die drei bis zehn Tage vor dem öffnen ihrer Augen geblendet worden waren.

Das Experiment brachte eine volle Bestätigung der Vererbungshypothese: Unabhängig von den Zeitperioden, in denen die Einzelkäfige beleuchtet wurden, vollzog sich das Leben aller Ratten in regelmäßigem Wechsel zwischen 12 Stunden Laufaktivität und 12 Stunden Ruhe. Diese Beobachtungen, so stellt Richter fest, „zeigen, daß blind geborene und geblendete Ratten eine (biologische) Uhr besitzen, die sowohl 24-Stundenals auch 12-Stunden-Intervalle mißt“. Damit sei auch „eindeutig bewiesen, daß die Uhr angeboren ist“. Friedrich Abel