Von Gabriel Laub

Heute ist viel von der Abschaffung der Ehe die Rede. Aber ich habe doch gewisse Zweifel, daß man die Ehe als Institution so schnell aufgeben wird. Zwar kann man tausendmal beweisen, daß die Ehe in der heutigen Zeit, wo beide Partner berufliche und menschliche Freiheit in Anspruch nehmen, ihre Aufgaben nicht erfüllen kann. Und hunderttausendmal kann man den alten Aphorismus wiederholen, nach dem die „Ehe aus zwei Sklavenhaltern und zwei Sklaven und doch nur aus zwei Menschen besteht“ – es hilft alles nichts. Solange man für die Kinder keine bessere Erziehungsanstalt entwickelt hat als die Familie, solange auch Männer Kinder lieben (und sie nicht selber, auf die-Welt bringen können), kann man sich vom Joch der Ehe kaum befreien. Und folglich ist es am besten, sich damit abzufinden.

Übrigens bin ich entschieden gegen eine Ab-Schaffung. Diese Erklärung gebe ich freiwillig ohne unter Druck zu stehen; ich bin geschieden Und nach der Scheidung kam ich zu dem Schluß, daß mich diese Institution als solche überhaupt: nicht stört. Im Gegenteil, ich bin bereit, ihr vielegute Wirkungen zuzugestehen.

Nur der Ehe ist es schließlich zu verdanken, daß es noch Sekretärinnen gibt: Wie viele Mädchen möchten schon Sekretärin werden, bestünde nicht die Möglichkeit, den Chef oder mindestens einen Bürokollegen zu heiraten? Auch für die Volksausbildung ist die Institution der Ehe von großer Bedeutung: Viele Mädchen wären nicht studieren gegangen, hätten sie nicht den Wunsch, einen gebildeten Mann zu angeln. Ohne Ehe würde es auch keine fremden Ehefrauen geben. Und eine gut verheiratete, mit ihrer Ehe zufriedene Frau ist doch die beste Geliebte. Sie bringt keine Probleme in die Liaison mit, sie sucht keinen Beichtvater, keinen Mäzen, sondern nur einen Geliebten, und bei ihr droht kaum die Gefahr, daß sie sich als Heiratskandidatin entpuppt.

Die Ehe hat also auch ihre guten Seiten. Man muß sich nur mit ihr irgendwie arrangieren. Vielleicht wäre es gut, möglichst früh zu heiraten; dann kann man so mit fünfundvierzig schon erwachsene, selbständige Kinder haben, kann die Ehe auflösen und einige Jahre die Freiheit genießen.

Es bietet sich aber eine noch radikalere Lösung: In der letzten Zeit wurden in Amerika und in Holland einige gleichgeschlechtliche Ehen geschlossen, und zwar ganz offiziell. Könnte man gesetzlich durchsetzen, daß in Zukunft nur solche Ehen zugelassen sind, würde ein alter Traum verwirklicht: Alle Frauen könnten verheiratet sein, alle Männer ledig bleiben. Im Interesse der schweigenden heterosexuellen Mehrheit und der Populationspolitik müßte man natürlich auch gesetzlich die Forderung der ehelichen Treue abschaffen.

Um hartnäckige Anhänger der traditionellen Mischehe zu beruhigen: Käme mein Gesetzen wurf zustande, würden sich viele Leute finden, die heimlich in eigentlich verbotenen Mann-Frau-Ehen lebten. Und diese „wilden“ Ehen würden ganz sicher viel besser und stabiler sein als die herkömmlichen, so leicht erreichbaren Bündnisse, besonders wenn sich die Behörden die Mühe geben, sie ein wenig zu verfolgen. Mit der Zeit würden wahrscheinlich die künftigen Kämpfer für die heterosexuelle Ehe eine revolutionäre Underground-Bewegung bilden und durch Demonstrationen, Terroraktionen und politische Machtkämpfe die Legalisierung der traditionellen Ehe des neunzehnten Jahrhunderts durchsetzen.

Das ist auch ein Grund, weshalb ich gegen die Abschaffung der Ehe bin.