Seit 90 Jahren haben die Paläontologen einen typischen baumbewohnenden Saurier vorzuweisen: klein, pflanzenfressend, mit handähnlichen Krallen zum Klettern und Hinterbeinen, die zur schnellen Flucht nicht taugen. Die Kenntnisse von jenem Urzeit-Reptil, das vor 120 Millionen Jahren durch die Kreidezeitwälder Englands gehüpft sein soll, schöpften die Gelehrten aus Skelett-Rekonstruktionen. Auf dem Boden, so folgerten die Forscher aus ihrer Knochenarbeit, wäre das kaum mehr als zwei Meter lange Hypsilophodon den Raubsauriern rettungslos ausgeliefert gewesen.

Jetzt holte der amerikanische Biologe Peter Galton von der Bridgeport University in Connecticut das angeblich mustergültige Baumreptil wieder auf die Erde zurück. Galton untersuchte nochmals den Hypsilophodon-Knochenbau, ohne typische Merkmale eines Baumbewohners herausfinden zu können. Vielmehr sei der Kreidezeit-Pflanzenfresser, wie der US-Biologe unlängst in dem Wissenschaftsblatt „Nature“ (Vol. 231) schrieb, ein flüchtiger Bodenbewohner gewesen.

Die frühere Hypsilophodon-Klassifizierung, so bemerkte Galton bei der Skelettüberprüfung, beruht auf einer Reihe von Fehlinterpretationen – obwohl vier renommierte Paläontologen, darunter der österreichische Urweltforscher Othenio Abel, die Saurierknochenreste untersuchten. Als Indiz für ein Baumleben werteten die Gelehrten bislang zum Beispiel einen Befund, nach dem das Schulterbein beim Hypsilophodon länger als das Schulterblatt gewesen sein soll. Diese Knochenkonstellation habe dem Retil ausgedehnte Armbewegungen erlaubt – im Gegensatz zu anderen zweifüßigen Artverwandten aus der Dinosaurier-Untergruppe der „Ornithischier“ (die als gemeinsames Merkmal ein vogelähnliches Becken aufwiesen). Galton indes entlarvte die große Armfreiheit als fehlerhafte Schulterblatt-Präparation: Die Knochenteile wurden auf der körperzugewandten Seite unvollständig zusammengefügt; Schulterblatt und Schulterbein haben demnach die gleiche Länge. Damit jedoch unterscheidet sich das Hypsilophodon nur unwesentlich von anderen, auf dem Boden lebenden Sauriern.

Ähnliche Mißdeutungen entlarvte Galton am Knochenbau des Unterarms. Der Paläontologe Abel glaubte, sein Studienobjekt habe eine gebogene Unterarmspeiche gehabt, die es von allen anderen Dinosauriern unterschieden hätte – etwa so, wie sich heutige Baumkänguruhs von Bodenkänguruhs unterscheiden. Die erneuten Untersuchungen des Amerikaners konnten die Paläontologen-Annahme nicht bestätigen. Die Speiche des Hypsilophodons ist ebenso gerade wie bei allen anderen Artverwandten.

Die Greiffähigkeit der Vorderhände – eine unbedingte Voraussetzung für ein Baumleben – bestätigte Galton. Freilich glaubt er, daß die Greifmöglichkeit aus der starken Anpassung an zweibeiniges Laufen resultierte.

Diese Grundvoraussetzung für eine schnelle Flucht konnten Galtons Vorgänger gerade an den Hinterbeinen des Hypsilophodons nicht finden. Sie waren beeindruckt von der Länge der Zehenglieder und glaubten, daß diese sich speziell zum Greifen gut krümmen ließen. Darin jedoch – so Galton – unterschied sich das Hypsilophodon ebenfalls nicht von anderen bodenlebenden Sauriern.

Als Hauptindiz für den kletternden Kleinsaurier führte Abel die entgegengesetzte Öffnung des ersten Zehengliedes an. Danach hätte das Reptil mit seiner Kralle einen Ast auf ähnliche Weise umgreifen können wie ein Affe – oder ein Mensch. Galton freilich entkräftet diesen schönen Beweis für ein Baumleben mit dem nüchternen Hinweis, daß „die Zehenglieder der Klaue den verkehrten Weg herum zusammengesetzt wurden“.