Walter Laqueur: „Europa aus der Asche. Geschichte seit 1945“; Axel Juncker Verlag, München 1970; aus dem Englischen von Gertrude Goldenberg; 459 S., 29,50 DM

Der Verfasser, geboren 1921 in Breslau, ist in Deutschland kein Unbekannter: In London leitet er das mit der „Wiener Library“ vereinigte „Institut of Contemporary History“, dessen Journal er zusammen mit George L. Mosse herausgibt, und in Boston/Massachusetts lehrt er als Professor an der Brandeis University Politikwissenschaft und Ideengeschichte. In deutscher Sprache erschienen von ihm „Die deutsche Jugendbewegung“, „Rußland und Deutschland“ und „Die Vorgeschichte des Sechstagekrieges 1967“.

Sein neues Buch schildert die Geschichte Europas vom Tode Hitlers und der bedingungslosen Kapitulation des Großdeutschen Reiches bis zur jüngsten Gegenwart. Laqueur hält sich nicht – wie es neuerdings üblich geworden ist – mit methodologischen Vorbemerkungen auf, sondern gibt ein Musterbeispiel einer gut lesbaren Geschichtsdarstellung, die den Bericht mit eindringlicher Analyse der Vorgänge, Zustände und Entwicklungen verbindet. Der Verfasser verfügt souverän über den Stoff und ist spürbar fasziniert durch das Schauspiel der Wiedergeburt eines Kontinents, ohne daß er irgendeiner Europa-Euphorie verfällt und Konflikte und Spannungen verharmlost.

Hier werden die Sowjetunion und Osteuropa ebenso eindringlich vorgestellt wie Großbritannien und das kontinentale West- und Nordeuropa (vielleicht ist die Rolle der USA, ihre politisch-militärische wie wirtschaftlichkulturelle Präsenz, etwas zu blaß gezeichnet). Fast vollständig sind alle Lebensbereiche in die Betrachtung einbezogen, die sich von jeder Dogmatik freihält: EWG und Comecon, das militärische Gleichgewicht, das Ausscheiden der Kommunisten aus den Regierungen im Westen 1947/48, die Sowjetisierung und Russifizierung Osteuropas, Krisen und Revolutionen in Ungarn und der Tschechoslowakei, die Sonderstellung Frankreichs unter de Gaulle, die Rolle der neutralen Mittelstaaten – aber auch die übergreifenden Veränderungen, großenteils Ost und West gemeinsam, wenn auch verschieden intensiv und modifiziert nach den Systemen: die Revolution in Transportwesen und Industrie, Wissenschaft und Technologie, der Wohlstand und die veränderten Konsumgewohnheiten, Freizeit und Tourismus, der Wandel der Gesellschaftsstruktur, die Massenmedien, Kirchen- und Bildungsreformen, Literatur und Musik.

Glänzend geschrieben die Kapitel über die kulturellen Zustände in Rußland vor und nach Stalins Tod, über die Spannung zwischen staatlichen Direktiven und individuellen Lebensäußerungen. Bei den französischen Existenzialisten, Englands „zornigen jungen Männern“ und den Jugend- und Studentenrevolutionen verfährt der Verfasser mit nachsichtiger Ironie – erscheinen ihre Unkenrufe doch wenig überzeugend gegenüber der Vitalität, der wirtschaftlichen und sozialen Leistung und einem Lebensstandard, der in der Geschichte Europas seinesgleichen sucht. Unerschöpft ist die kulturelle Kraft und Vielfalt dieses Kontinents.

Der Standpunkt des Verfassers ist klar: Kommunismus ist ihm Sozialismus ohne Freiheit; beim kapitalistischen System aber sieht er im Wohlfahrtsstaat ein gut Teil Sozialismus beigemischt, doch so, daß die Freiheit in Politik und Kultur bewahrt bleibt. Doch meist wird dieser eigene Standpunkt nur angedeutet. Den Reiz des Buches macht es aus, daß bei kontroversen Problemen häufig neo-marxistische und „bürgerliche“ Deutung nebeneinandergestellt werden – die Soziologen behaupten, der Arbeiter sei verbürgerlicht, durch die Mittelklasse absorbiert, die Marxisten wenden ein, daß trotz der großen Verbesserungen soziale Ungerechtigkeit und Armut weiterbestehen; doch niemandbestreitet, daß der europäische Arbeiter 25 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg mehr zu verlieren hat als nur seine Ketten. Nicht selten wird auch der Wandel des Urteils über Menschen und Entwicklung in diesen 25 Jahren angemerkt – in den fünfziger Jahren Kritik an mangelnder Härte des Westens gegenüber dem Osten; in den sechziger Jahren wird umgekehrt die Härte des Westens verantwortlich gemacht für die Fortdauer des Kalten Krieges.

In summa ein ungemein informatives Buch, angereichert mit Statistiken, wohlgegliedertem Literaturverzeichnis, Sach- und Personenregistern, so daß es auch für den eiligen Leser wohl benutzbar bleibt, ausgewogen im Urteil, nicht ohne Humor, mehr optimistisch als pessimistisch. Das Fazit: „Europa hat – weit entfernt von Todeskämpfen, die ihm ein Sartre vorausgesagt hat, eine neue Kraft bewiesen, die Freund und Feind gleichermaßen in Erstaunen setzte ... Das Zeitalter der politischen Vorherrschaft Europas ist zu Ende, doch bisher hat noch kein anderer Erdteil Europa die Fackel der Zivilisation, des kulturellen Fortschritts entrissen. In einem weiteren Sinne hat daher das europäische Zeitalter erst begonnen.“

Fritz Fischer