Von Alexander Rost

Vokabeln wie „Nationalmannschaft“ und „Bundestrainer“ lassen auch den Laien ahnen, wohin der Kurs der Rennsegler führt: Leistung steigert sich zu Hochleistung; Hochleistung schickt sich an, nach Olympia-Medaillen zu greifen. Wo jetzt die Regatten der Kieler Woche entschieden wurden, finden im nächsten Jahr die olympischen Segelwettfahrten statt. Das hatte Teilnehmer aus 26 Nationen auf die Förde gelockt. Und weil nicht wenige schon unter Olympia-Stress standen, erinnerten manche Wettfahrten an antike Naumachien, an Seeschlachten in der Arena.

Nun, in Kiel wurde niemand versenkt. Manche Berichte in mehr dem Bild zugewandten Medien, ob gefunkt oder gedruckt, konnten zwar den Eindruck erwecken, als herrschte in Kiel ein heilloses Chaos; aber trotz des Getümmels an Startlinien und Wendetonnen, trotz widrigen, weil allzu leichten Wetters und trotz aller Nervosität lagen schließlich die erstklassigen Segler vorn. Das ist der beste Beweis dafür, daß die Wettfahrtleitung nach wie vor, wenn auch unter schwierigeren Bedingungen denn je, guten Sport ermöglicht hat.

Dem Wind mangelte es fast immer an Stärke, so daß nur sechs statt sieben Wettfahrten beemdet wurden; und nicht selten drehte er. Oft mußte der Start verschoben oder die Startlinie neu gelegt werden. Zuweilen waren die Segler aacht Stunden und länger auf dem Wasser. Eine Fülle von Fehlstarts, vor allem der mehr als hundert Finndingis, der Klasse der Ein-Mann-Boote, war das deutliche Indiz für den Olympia-Stress.

In den sechs oympischen Bootsklassen gab es einen deutschen Sieger: Thomas Jungblut, ein junger Mann mit schulterlangem Haar (woran Prinz-Heinrich-Mützenträger unter den Seglern im Klubhaus nun langsam nicht mehr Anstoß nehmen), mit wacher Intelligenz und mit Fäusten, die fest zupacken können, mußte zwar am letzten Wettfahrttag wegen Frühstart disqualifiziert werden, hatte aber das Glück, daß sein schärfster Rivale, der Belgier Rogge, ebenfalls zu früh über die Linie gekreuzt war und infolge Disqualifikation seinen Punktstand auch nicht mehr verbessern konnte. So kam Thomas Jungblut, Sohn eines Elblotsen, in fünf gewerteten Wettfahrten zum Kieler-Woche-Sieg (das jeweils schlechteste Tagesergebnis von sechs, in diesem Fall die Nicht-Wertung nach der Disqualifikation, wird laut Wettfahrtbestimmung gestrichen).

Bei den internationalen Kieler Regatten in den Olympia-Klassen, Ende August, wird Thomas Jungblut gegen Willi Kuhweide zeigen müssen, ob er bleibt, was er jetzt ist: der beste deutsche Finndingi-Segler. Willi Kuhweide, der im Finndingi 1964 die olympische Goldmedaille gewann, ist mittlerweile ins Starboot übergestiegen; er wurde in dieser Kieler Woche Vierter hinter den Schweden Wennerström und Petterson und dem Russen Budnikow. Wenn am 29. August auf der Förde die Olympia-Generalprobe beginnt, will er noch einmal im Ein-Mann-Boot starten.

Die anderen Kieler-Woche-Sieger in olympischen Bootsklassen sind: Arwed von Grunewaldt (Schweden) im Soling, Aage Birch (Dänemark) im Drachenboot, Bernhard Staartjes (Holland) im Tempest und Keith Musto (England) im Flying-Dutchman. Achim Kadelbach (Berlin) im Soling, Franz Heilmeier (Starnberger See) im Drachenboot und Kurt Prenzler (Hannover) im Flying-Dutchman kamen auf zweite Plätze. Der Bundestrainer, den der Deutsche Seglerverband kürzlich eingestellt hat, der Hamburger Stoffers, darf damit zufrieden sein und wird nach dieser Kieler Woche die Nationalmannschaft der Rennsegler neu formieren müssen.

Der meistphotographierte Mann der Kieler Woche war, wie er im Teilnehmerverzeichnis hieß, „King Konstantine“, der griechische (Exil-) König Konstantin, Olympiasieger 1964 im Drachenboot. Man hat viel Unsinn über ihn gelesen, wie überhaupt von dieser Kieler Woche Unsinn im Übermaß berichtet wurde (was vor allem an dem einzig wirklich fatalen Organisationsfehler, an der mangelnden Information für die oft nicht sehr kenntnisreichen Journalisten lag). Zur Sache: Konstantin, der nun ein Soling-Boot führt, wurde 5., 6., 13., 48., 45. und 34. und kam damit in der Gesamtwertung auf den 19. Platz unter 66 Rivalen.