Seit Klaus Wagenbach sein Lesebuch der sechziger Jahre (1968) herausgebracht hat, sind die meisten der vordersinnig über den miserablen Zustand deutscher Lesebücher klagenden Publizisten ruhiger geworden, obgleich auch Wagenbachs mustergültiger Versuch, zeitgenössische und zugleich bringen, deutsche Literatur in die Schulen zu bringen, sich nur geringfügig bayerischen hat. Das weiß, wer die – nicht nur bayerischen – Lesebücher kennt, in denen heute noch Gymnasiasten und Realschülern deutsche Literatur vermittelt wird; das hat kürzlich auch wieder Robert Minder im Titelaufsatz seines Bandes „Wozu Literatur?“ beklagt, jener französische Germanist, der die deutsche Diskussion bereits vor zwanzig Jahren in Gang setzte (die dann allerdings erst fünf Jahre später mehr feuilletonistisch als auf ernsthafte Konsequenz bedacht wieder aufgenommen wurde).

Nun hat sich seither einiges getan in deutschen Lesebüchern – doch viel mehr, als es die opportunistische Umstellung von 1945 notwendig machte, ist nicht geschehen; und noch immer sind die Lesebücher um so miserabler, je jünger ihre Leser sind.

Denn es ist ja nicht damit getan, daß ein Lesebuch lediglich aktuelle (alte oder moderne) Texte versammelt; vielmehr erfordert die Komposition eines Lesebuchs eine seine Texte verbindende Didaktik, muß sie ausgerichtet sein auf eine moderne Pädagogik (und der brauchen Autoren wie Herder, Goethe, Brentano, Jean Paul, Stifter, Raabe gewiß nicht suspekt zu sein). Es geht ja nicht darum, in einem Lesebuch gesinnungskonforme Texte zu bieten. Jedes Lesebuch, das von einer modernen Pädagogik erarbeitet und benutzt wird, müßte ohne weiteres imstande sein, auch einen Text der Nazi-Literatur oder des Stalin-Kults aufzunehmen, sofern es nur seine didaktische Absicht explizierte, historische Durchblicke gewährte und andere als nur absolute Wertvorstellungen suggerierte. Dem Schüler wäre mit einer exemplarischen Stunde über den Nazi-Text vermutlich mehr Kenntnis und Denkfähigkeit vermittelt, als es durch die Lektüre etwa eines Bachmann-Gedichts überhaupt möglich ist.

Die alte Lesebuchmisere ist also nicht zu lösen durch hurtige, scheinbar aktualisierte Zusammenstellungen moderner Literatur – was als Vorwurf nicht Wagenbachs „Lesebuch“ trifft, das sich bescheiden auf ein Jahrzehnt beschränkt und in seiner Auswahl tatsächlich eine Lücke vorfand; als Vorwurf ist es gemeint für ein Buch, das jetzt erschienen ist und eine ganze Reihe von Lesebüchern zu begründen scheint, für das

„Lesebuch 1“ – Beispiele junger deutscher Literatur, Redaktion Elisabeth Borchers; Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 368 S., Paperback 18,– DM

das den Haupttitel trägt: „Der Einbruch eines Holzfällers in eine friedliche Familie“, sich also mit dem Titel einer Erzählung von Peter Handke schmückt.

Wäre das „Lesebuch 1“ das, als was es sich per Waschzettel auch präsentiert: eine Anthologie zeitgenössischer Texte für den „Literaturfreund“ und den „an zeitgenössischen Problemen und Texten interessierten Leser“, die jedes Jahr mit zwei Bänden fortgesetzt werden soll, dann könnte man sich mit einem knappen Hinweis begnügen: noch eine Anthologie zeitgenössischer Literatur.