Doch entscheidender ist die Absicht, die, so der Verlag, mit der "Entwicklung der ‚Lesebuchidee‘" verfolgt wird, nämlich Texte so anzulegen, "daß sie im Schulunterricht (Deutsch, Geschichte, Zeitgeschichte und entsprechende Gebiete) Verwendung finden können".

Schön ist in diesem Zusammenhang der Hinweis: "Die Texte sind aggressiv und gelegentlich durchaus befremdend. Lediglich ihre Qualität war Voraussetzung für die Aufnahme." Kein Vorwort allerdings expliziert, welche Qualitätsvorstellungen die Editoren hatten, was für sie Qualitätsausweis ist; und statt eines Nachworts druckte man Heinrich Bölls Rede vom "Ende der Bescheidenheit" ab. Sie, Ernst S. Steffens Beitrag "Arbeit im Zuchthaus", Regina Korns Arbeitsbericht "Weihnachtszeit bei Findus" und Erika Runges Interview "Maria B., Putzfrau" sind die einzigen Stücke, die einem mehr als literarisches Interesse abverlangen. Ansonsten bietet der Band von Achternbusch bis Ziem für sehr viel mehr Geld eher weniger als die jährlichen "Tintenfische" des Wagenbach-Verlags. "Tintenfische" sind preiswerter.

Als Anthologie junger deutscher Literatur ist dieses "Lesebuch 1" kaum der Rede wert. Hingegen macht der Anspruch, eine "Lesebuchidee" entwickelt zu haben, das Unternehmen zum Paradigma; es ist das Musterbeispiel eines hurtigen Versuchs, die Lesebuchmisere der Schulen marktgerecht zu nutzen. Es ist kein literarisches, kein expliziert ästhetisches, es ist schon gar nicht ein auch nur in Ansätzen didaktisches Konzept erkennbar, das die Auswahl so, wie sie da steht, rechtfertigt.

Der Ausweg aus der Lesebuchmisere, die von allzu engen und gleichzeitig allzu unverbindlichen Wertvorstellungen der Lesebuchmacher verursacht wurde, kann nicht Beliebigkeit heißen, wie sie hier praktiziert wurde: eine Beliebigkeit überdies, die auch ebenso eng wie unverbindlich ist und die Wertvorstellungen des neunzehnten Jahrhunderts durch schlichte Qualitätsnivellierung abgelöst hat.

Die Krise des Deutschunterrichts und speziell des deutschen Lesebuchs wird durch diese Zusammenstellung nicht gemildert und schon gar nicht behoben; sie markiert nur eine der Möglichkeiten, wie die Krise unter dem Mantel des Modernismus prolongiert werden kann.