Von Robert Neumann

Wenn einer ein umfangreiches alphabetisches Lexikon und dazu einen nach Themen geordneten „Thesaurus“ vorlegt, Titel „Sex im Volksmund“, Untertitel „Der obszöne Wortschatz der Deutschen“ – nicht ein Team, sondern ein Mann allein, der zehn Jahre seines Lebens (hoffentlich nicht ausschließlich) daransetzt, in mühseliger Feldforschung bei Prostituierten und Zuhältern zehntausend Belegkarten und Bandaufnahmen zu erstellen und dazu mehr als 500 Dialektlexika, Umgangssprachführer, Vagabundenwörterbücher nach sexuell getöntem Sprachmaterial, zu durchforschen: dann erführe man über so einen Mann gern mehr und privatpsychologisch Ergiebigeres, als daß er, 1915 in Berlin geboren, in England und den USA Anthropologie studiert, acht Bücher geschrieben und für die UNESCO und das British Film Institute gearbeitet hat und „heute auf einem Landgut in Oberösterreich lebt“.

Gewidmet ist sein enormes und in vieler Beziehung faszinierendes Werk –

Ernest Borneman: „Sex im Volksmund“ Der obszöne Wortschatz der Deutschen; Rowohlt Verlag, Reinbek; 640 S., Subskr.-Preis (bis 31. 12. 71) 98,– DM, danach 120,– DM

– „denen, die es für mich gesprochen haben: Automatenschlitz, Fischbüchsenpaula, Gerda Gasfabrik, Kitzler-Witzler, der kleinen Marie, der großen Marie, Schlammtütenfritz, Zwickmuschi und all den anderen – vor allem aber meiner lieben Frau“.

Entmutigend, so sagt er, war für ihn der Berg jener 500 Wörterbücher und Lexika; entmutigend auch das anfängliche Mißtrauen der „Unterwelt“ gegenüber dem neugierigen Außenseiter (erst nach ein paar Jahren wich es einer Mitteilungsfreudigkeit, die kaum zu bewältigen war); am entmutigendsten „die Unwilligkeit so vieler befragter Germanisten, Wörter niederzuschreiben, die bisher nicht in Druck erschienen waren“.

Das Ergebnis, ich sagte es schon, ist formidabel: rund 50 000 Ausdrücke sind erfaßt, davon 256 Synonyma für „Busen“. Bei „Prostituierte“ habe ich bei 1650 zu zählen aufgehört, bei „männliche Prostituierte“ lahmte schon nach 600 mein Interesse, ich wandte mich den „Vaginen“ zu, aber auch da ermüdete ich bei 800, und daß ich für „Penis“ bis über 1000 zählen mußte, nahm ich ihm (dem Penis? dem Autor?) geradezu übel. Zu Unrecht natürlich. „Das Thema des Jahres: Der männliche Penis“ stand kürzlich als Schlagzeile in Jasmin. (Über den weiblichen Penis haben sie seither zu meiner Enttäuschung noch nichts gebracht.)