Saarbrücken

Das hat es an der Saar schon lange nicht mehr gegeben: Innerhalb zweier Tage solidarisierten sich Gruppen und Organisationen mit einem Rundfunkredakteur, der vom Intendanten des Saarländischen Rundfunks (SR), Dr. Franz Mai, gefeuert wurde. Der Landesvorsitzende der SPD, Friedel Läpple, sprach vom „Anfang einer politischen Säuberungswelle“. Die Katholische und Evangelische Studentengemeinde stellten in einer gemeinsamen Erklärung fest, „daß die Personalpolitik des SR, vertreten durch Herrn Mai, sich jetzt nicht einmal mehr den Anschein gibt, den legitimen Forderungen einer pluralistischen Gesellschaft Rechnung zu tragen, sondern nun offen, opportun und konsequent Personal- und Meinungspolitik im Sinne einer politischen Gruppierung treibt“.

Der Redakteur ist Arnfried Astel. Er hat sich in seiner bisher viereinhalbjährigen Tätigkeit als Leiter der SR-Literaturabteilung große Verdienste um die Anstalt erworben. So brachte er über zwanzig prominente Dichter und Schriftsteller in die Hauptstadt des kulturell nicht sonderlich attraktiven Saarlandes. Astel ist zudem Förderer junger Talente und Autor sowie das einzige saarländische Mitglied des PEN-Zentrums.

Im vorigen Jahr gewann Astel einen Arbeitsgerichtsprozeß gegen den Saarländischen Rundfunk. Mai hatte Astel einen „strengen Verweis“ erteilt, weil er Anti-Kiesinger-Flugblätter in einer CDU-Wahlveranstaltung verteilt hatte. Mai mußte den Verweis wieder zurücknehmen.

Nur kurze Zeit herrschte danach Ruhe. Als jedoch Astel auf dem absolut sicheren Listenplatz drei der Rundfunk-Film-Fernseh-Union im DGB für den Personalrat kandidierte, sah Mai rot: Am 21. Juni bekam Astel ein Schreiben mit der fristlosen Kündigung und einem sofortigen Haus verbot. Zwei Kollegen erhielten Anweisung, Astel bis zum Verlassen des Geländes ständig zu begleiten, damit er keine „Dienstsachen“ mitnehme.

Das Kündigungsschreiben freilich ist so arm an Argumenten, daß es – so Saarbrücker Juristen – vor dem Arbeitsgericht allein von der Gewerkschaftssekretärin widerlegt werden könne. Im ersten Punkt wiederholt Mai seine Rüge wegen der längst erledigten Flugblattaktion. Im zweiten Punkt wirft er Astel vor, er habe ohne Genehmigung in der Jugendstrafanstalt Ottweiler Dichterlesungen veranstaltet – eine Tatsache, über die der Sender selbst berichtet hatte und die als unentgeltlich geleistete Resozialisierungshilfe vielerorts hohe Anerkennung fand. Der dritte Punkt schließlich, im Schreiben als „entscheidender Entlassungsgrund“ genannt, ist ein Absatz aus einem internen Brief Mais, der in einem polemischen Artikel in der Frankfurter Rundschau stand. Mai behauptet nun einfach, nach „Vernehmung“ der „in Frage kommenden“ Personen bleibe als Informant nur Astel übrig, obwohl ein in Frage kommender Redakteur kürzlich verstorben ist. Inzwischen hat der Autor des FR-Artikels eine eidesstattliche Erklärung hinterlegt, daß Astel ihn nicht informiert habe. Astels Personalratskandidatur bleibt bestehen, denn die inzwischen erhobene Kündigungsschutzklage machte den Rausschmiß unwirksam.

Das harte Wort des SPD-Vorsitzenden Läpple von der beginnenden „Säuberungswelle“ scheint nicht ganz zu Unrecht gesprochen. Rundfunkspatzen pfeifen es von den Dächern der Anstalt: Nächster Mann auf Mais Abschußliste soll der als liberal geltende Hörfunk-Programmdirektor Dr. Wilhelm Zilius sein. Zunächst jedoch verbot Mai den Redakteuren der Magazinsendung „Kultur aktuell“, eine vorgesehene Dokumentation der Stimmen zur Kündigung Astels zu senden. Wolf gang F. Rahner