Von Hans-Heinrich Isenbart

In Aachen erliegen jedes Jahr erneut Zuschauer und Sportjournalisten der Faszination der großen Zahlen. Das Offizielle Internationale Reitturnier der Bundesrepublik ist seit langer Zeit das Turnier mit der größten Beteiligung in der Welt. Neunzehn Nationen hatten diesmal Pferde, Reiter und Fahrer in die alte Kaiserstadt entsandt. Das hatte wie immer den Nachteil, daß die Veranstaltungen kein Ende nehmen wollten, daß Springprüfungen mit sechzig, siebzig, ja mit mehr als hundert Reitern sich bis in die Abendstunden hinzogen. Jedes Jahr aber ergibt sich daraus auch ein Überblick über den Stand der Reiterei in der Welt, wie er sonst nirgendwo dargeboten wird. Die Erkenntnisse freilich ähneln sich von Jahr zu Jahr.

Im Springsport sind Großbritannien und die Bundesrepublik zur Zeit kaum zu schlagen, wenn die Reiter und Pferde wirklich hart geprüft werden. Italien ist mit seinen alten und mit jüngeren Reitern in der Weltspitze vertreten, wenn die Umstände nicht gerade so widrig sind, wie in der Europameisterschaft der Springreiter in diesem Jahr. Und in Aachen ritten jetzt wieder die Amerikaner nach vorn.

In Frankreich tut sich Erstaunliches: Neben anderen guten Reitern macht sich ein Mann auf den Weg nach Olympia, der vor neunzehn Jahren (1952) im Olympischen Jagdspringen seine erste Goldmedaille gewann. 1964 blieb er zum zweitenmal siegreich, als er in Tokio Frankreichs einzige Goldmedaille gewann. Pierre Jonqueres d’Oriola, Landedelmann, Weinbauer und Bürgermeister in Südfrankreich, war mit 51 Jahren der älteste Teilnehmer der Europameisterschaft. Er kam mit dem zehnjährigen Fuchshengst Moet et Chandon (im Besitz’einer gleichnamigen Sektkellerei) auf den vierten Platz, knapp hinter dem Schweizer Hauptmann Paul Weier, dem großen Pechvogel der Meisterschaft, den ein einziger Springfehler im Finale den greifbar nahen Titel kostete.

In drei Teilprüfungen wurde die Europameisterschaft entschieden, und nach der zweiten lagen der Engländer Harvey Smith und der Deutsche Hartwig Steenken punktgleich, nachdem schon im ersten Springen eine Reihe von Favoriten ausgefallen war. Nach tagelangem Regen glich der gepflegte Golfrasen im Aachener Reitstadion schon am dritten Turniertag mehr einem Sturzacker, als 39 Reiter aus 14 Nationen zum Zeitspringen antraten. Zeitspringen! Dabei sanken die Pferde bis über die Fesselköpfe im Schlamm ein. Hier gaben elf Reiter auf, darunter Raimondo d’Inzeo und Graziano Mancinelli. Auch Alwin Schockemöhle konnte mit Donald Rex die Parcours nicht beenden. Es stellte sich heraus, daß der Fuchs nach einer Futtervergiftung in Hamburg jetzt eine Gelbsucht bekommen hatte. Mit Wimpel, seinem zweiten Pferd, kam Schockemöhle auf den fünften Platz, aber am nächsten Tag hatte das Pferd ein dickes Bein, Sehnenschaden. Es kann Monate dauern, bis beide Pferde wieder gesund sind. So vertrat Hartwig Steenken allein die deutschen Farben.

Der Schweizer Paul Weier gewann die erste Teilprüfung mit dem Hannoveraner Wulf, Steenken wurde mit Simona zweiter, Harvey Smith kam mit Evan Jones hinter dem Schweizer Max Hauri auf den vierten Platz.

Als Harvey Smith dann in der zweiten Teilprüfung am nächsten Tag mit seinen beiden Pferden Matty Brown und Evan Jones gemeinsam mit Raimondo d’Inzeo siegte, zog er gleich mit Hartwig Steenken. Beide hatten die Platzziffer 5,5. Nach den Placierungen wurde die ganze Meisterschaft in allen drei Prüfungen gewertet. Das Finale mußte entscheiden.