Von Dietrich Strothmann

Die erste Visite eines deutschen Außenministers in Tel Aviv steht unter keinem glücklichen Stern. Es wird aller Überzeugungskraft und vernünftiger Argumente Scheels bedürfen, um die israelischen Sorgen zu zerstreuen, daß Bonn in seiner Nahost-Politik eine Kursänderung vorgenommen habe – hinweg von dem "besonderen Verhältnis", das bisher die Beziehungen zwischen beiden Staaten bestimmte.

Daß solche Sorgen aufkommen konnten und das ohnehin belastete Verhältnis noch weiter belasten, das geht auch auf Konto von Scheels Europapolitik – vor allem der deutschen Zustimmung zu jenem Nahost-Papier der Sechs, das die Israelis als eine Interpretation der UN-Resolution von 1967 zu ihren Ungunsten auslegten. Zwar soll dieses Papier noch einmal überarbeitet werden, zwar haben ihm alle sechs EWG-Partner und die vier Beitrittskandidaten im Grundsatz zugestimmt –, dennoch empörten sich die Israelis vor allem über die Bonner Zustimmung.

Denn Bonn ist, für den Staat der Juden und für ihre Regierung, keine x-beliebige Stadt. Bonn ist für sie die Hauptstadt Deutschlands – jenes Deutschlands, mit dem sie diplomatische Beziehungen unterhalten und das sich stets zu einem "besonderen Verhältnis" zu Israel bekannt hat. Bonn hat die Bürde der Vergangenheit übernommen.

Doch die finsteren Schatten von Auschwitz reichen noch weit bis in unsere Zeit hinein. Keine Wiedergutmachung, keine Wirtschaftshilfe, kein Jugendaustausch-Programm, kein Botschafter-Auftritt und kein Notenwechsel kann jene Schatten verdrängen. Versöhnung, wenn sie zwischen Juden und Deutschen überhaupt vorstellbar ist, geschieht gewiß nicht durch Verzicht auf Vergangenheit.

Freilich kann sie auch nicht, was noch manche unter den älteren Israelis verlangen, durch blinde Zustimmung der Deutschen, durch eilfertiges Applaudieren eingelöst werden. Schließlich will Israel selber in seiner prekären Situation, wo es um seine Sicherheit geht und seinen Überlebenswillen, als ein normaler Staat unter Staaten betrachtet werden. Gehört es nicht zu dieser Normalität, auch andere Urteile, sogar die Kritik anderer zu ertragen?

Um das Bild der deutsch-israelischen Beziehungen aufzuhellen, muß auf einen anderen Faktor der "Normalität" verwiesen werden: auf das Heranwachsen einer neuen Generation in beiden Ländern. Sie ist dabei, nicht ohne ebenso die drückenden Lasten von Verbrechen und Versöhnung zu spüren, Verantwortung zu übernehmen. Menschen, von denen sich die einen an alter Schuld nicht unmittelbar schuldig fühlen müssen und von denen die anderen nicht aus eigenem Leid auf deren Tilgung sich versteifen, haben ein ungezwungeneres Verhältnis zueinander.