Kann die ehrenwerte Absicht des Staates, sogenannte gute Kinderliteratur zu prämiieren, um die Kinder vor sogenannter schlechter Lektüre zu bewahren, jemals überholt sein? Die Bücher, die jetzt in Würzburg mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet worden sind, lassen nur eine Antwort zu: Ja – dieser Preis ist überflüssig geworden, auch wenn es seine vierzig oder fünfzig Juroren noch nicht gemerkt haben sollten.Prämiiert wurden fünf Bücher:

  • Ein Bilderbuch – „Der Apfel und der Schmetterling“ von Iola und Enzo Mari, Verlag Heinrich Ellermann, München –, das im sachlichen Design der Italiener naturkundliche Inhalte ohne Text vermittelt;
  • nochein Bilderbuch – „Mrs. Beestons Tierklinik“ von Renée Nebehay und Walter Schmögner, Verlag Jugend und Volk, Wien/München –, das von einer skurrilen alten Dame handelt, die voller Güte Tiere pflegt und glücklich macht;
  • ein Kinderbuch – „Der Löwe Leopold“ von Reiner Kunze, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. –, dessen Autor dem Trugschluß verfallen ist, man sei schon ein Kinderdichter, wenn man mit seinen Geschichten bei den eigenen Kindern Beifall findet;
  • ein Jugendbuch – „Die Erde ist nah“ von Ludêk Pešek, Georg Bitter Verlag, Recklinghausen – ein utopischer Marsflugroman, in dem Gefühle die Fakten überwiegen;
  • und schließlich ein Sachbuch – „Gesellschaft und Staat“, Lexikon der Politik, herausgegeben von Drechsler, Hilligen und Neumann, Signal Verlag, Baden-Baden.

Fünf Bücher, gegen die man nicht viel sagen kann, aber auch nicht viel dafür, ein vorsichtiger Edeldurchschnitt, etwas heile Welt, etwas Autorität: Kinder lernen immer noch das Wohlverhalten durch Angst und Schrecken am schnellsten.

In den „Kurztexten“, die der Arbeitskreis für Jugendliteratur – seit Jahren mit den Geschäften dieses Preises betraut – zur Preisverkündung verschickt, steht nichts mehr über Sinn und Zweck des Preises. Der Text beginnt: „Grundsätzlich neue Tendenzen zeichneten sich 1970 in der Kinder- und Jugendliteratur nicht ab...“ 1970 ist das Jahr der antiautoritären Kinderliteratur gewesen, das Jahr des Vorschulkongresses,das der Bildungsdebatten, das Jahr, in dem die pädagogische Anerkennung bestimmter Comics auch in der Öffentlichkeit diskutiert worden ist, das Jahr, in dem die Brutalitäten gezählt wurden, die Kinder in einer Woche Fernsehen hätten konsumieren können. Grundsätzlich keine neue Tendenzen?

Freilich, der Arbeitskreis kann nur resignieren, denn in seiner jetzigen Form besitzt der Preis kein Organ, diese und andere Tatsachen wahrzunehmen und zu verarbeiten. Bildung und Vorschule fallen zudem ins Ressort von Bundesminister Leussink, Kinderliteratur dagegen steckt irgendwo zwischen Umweltschmutz, „Trimm dich“ und Lebensmittelgesetz in Frau Strobels Ressort, der Bundesministerin für „Jugend, Familie und Gesundheit“. Andere Etats, andere Ministerialsachbearbeiter, keine Kooperation, nicht die Erkenntnis, daß man aus dem bereits etablierten Preis ein Instrument machen könnte, das der Bildungsplanung vermutlich Millionen spart.

Reformvorschläge? Du liebe Zeit, da hat es seit 1956 so viele gegeben, daß man jedes Kinderzimmer in Deutschland damit tapezieren könnte! Ohne Aktivität ist der Preis bald tot.

Sybil Gräfin Schönfeldt