Vier Monate nach der Übernahme der Macht durch die Militärs herrscht in der Türkei noch immer der Ausnahmezustand. Die Verhaftungswelle dauert an. Die Zahl der Oppositionellen, die in den Gefängnissen auf ihre Prozesse warten, wird auf rund tausend beziffert. Besonders die Journalisten und Intellektuellen sind der Verfolgung ausgesetzt. Einem von ihnen gelang es, den folgenden Brief aus dem Gefängnis zu schmuggeln:

„Ich schreibe aus der Untersuchungshaft. Wir sind hier in einem Zimmer mit 25 Personen. Im Bett neben mir liegt ein Politiker der Opposition. Die anderen sind ein Verleger, ein Schriftsteller, ein ehemaliger Offizier und Studenten. Wir wissen nicht, warum wir festgenommen worden sind.

In der Nacht zum 21. Juni kamen ein Oberst und sechs Zivilisten und durchsuchten meine Wohnung. Sie beschlagnahmten Bücher, die in jedem Bücherschrank stehen könnten, aber meine sollten der Moral der Nation Schaden zufügen. Nach der zweistündigen Durchsuchung wurde ich verhaftet. Der Grund dafür sind wahrscheinlich Artikel, die ich geschrieben habe und in denen ich versuchte, die Verhaftungswelle und die Denunziationssucht zu kritisieren. Die zuständige Kommandantur hat nach dem neuen Gesetz das Recht, mich bis zu dreißig Tagen in Haft zu behalten, ohne mich vor Gericht zu bringen.

Kollegen sind nach der U-Haft durch Gerichtsentscheid wieder verhaftet worden. Ein weiterer Kollege wurde mit der Behauptung verhaftet, er habe den Aufstand gegen das Regime gefördert. Darauf steht im türkischen Strafgesetzbuch die Todesstrafe. Kurz gesagt: Wir erleben hier interessante Tage...“