Von Rolf Diekhof

Seit neun Tagen streiten sich in Montreal die Vertreter von 65 Liniengesellschaften über rund 200 Vorschläge, die ab 1. November für Flüge über den Nordatlantik gelten sollen. Die Runde – so ist es geplant – soll noch mindestens 20 Tage diskutieren, doch was am Ende herauskommen wird, ist schon bekannt: Entweder wird mit Einführung eines 200-Dollar-Tarifs der Nordatlantikflug für jedermann um mehr als die Hälfte billiger, oder es kommt zu einer „offenen Ratensituation“ – einem Preiskrieg zwischen den 22 Liniengesellschaften, die über dem Nordatlantik verkehren.

Dieser Preiskrieg wäre das Ende der IATA-Harmonie. Als Dachorganisation und Preiskartell der rund 100 großen Liniengesellschaften hat die IATA (International Air Transport Association) bisher mit Mühe und faulen Kompromissen alle Streitfälle ausgeräumt. Doch diesmal scheinen die Differenzen zwischen großen und kleinen Linien unüberbrückbar. Die Meinungsunterschiede sind zwar nicht krasser als in den Vorjahren, aber die Not ist größer als jemals zuvor: Die Nordatlantikflüge warfen in der Vergangenheit Supergewinne ab, heute werden die Nordatlantikergebnisse überall mit roter Tinte geschrieben.

Die Millionenverluste haben die Luftfahrtbosse dazu bewegt, schon vor der Montreal-Konferenz feste Positionen zu beziehen. So forderte Keith Granville, Chef der britischen BOAC, praktisch die Halbierung der Nordatlantikpreise und betonte: „Wir sind nicht mehr in der Stimmung, ‚Nein‘ als eine Antwort gelten zu lassen.“

Ähnliche Ankündigungen von Pan Am, TWA und Air Canada haben den Lufthansa-Vorstandsvorsitzenden Culmann zu einer düsteren Prognose veranlaßt: „Es gibt eine Reihe potenter Gesellschaften, die sich darauf gefaßt machen, daß diese Konferenz keinen Erfolg hat.“ Culmann weiß auch, was das bedeuten würde: „Es ist nur eine Frage, um wieviel größer das vorhandene Minus (im Nordatlantikgeschäft) dann wird.“ Die Lufthansa hat für ihre Nordatlantikflüge 1971 bereits einen zweistelligen Millionenverlust kalkuliert – ohne Preiskrieg.

Culmanns Meinung, daß das internationale Luftkartell in Montreal möglicherweise zur Bruchlandung gezwungen wird, ist in der Branche weit verbreitet. Die „Großen Vier“ (Pan Am, TWA, Air Canada und BOAC) – so wurde jetzt in Montreal bekannt – werden aus der IATA austreten, und damit der Organisation ein abruptes Ende bereiten, wenn die gemeinsame Forderung nach massiven Verbilligungen nicht durchkommt. Und Air-Canada-Präsident John Baldwin rüttelt ungerührt an der tragenden Säule des IATA-Systems: „Wir brauchen einen Industrieverband, aber ob er auch die Macht haben muß, die Preise zu bestimmen, das ist noch die Frage.“

Zunächst ist die Frage, ob die IATA das überhaupt noch kann, nachdem alle beteiligten Gesellschaften mit Vorschlägen, die natürlich auf die jeweils individuellen Umstände zugeschnitten sind, zur bunten Montreal-Mischung beigetragen haben. Die „Großen Vier“ setzen auf verschiedene Trumpfkarten. Pan-Am-Präsident Nojeeb Halaby gilt als einer der vehementesten Förderer des „Early-Bird-Systems“: Fluggäste, die drei oder vier Monate im voraus buchen, sollen die Atlantikrundreise ohne weitere Bedingungen zum Grundpreis von 200 Dollar bekommen. Mit kleinen Variationen wurde der Antrag auch von BOAC, Air Canada und TWA gestellt.